Kritik zu Wer früher stirbt ist länger tot

© Movienet

2006
Original-Titel: 
Wer früher stirbt ist länger tot
Filmstart in Deutschland: 
17.08.2006
Musik: 
L: 
104 Min
FSK: 
6

Fantasievoller Debütfilm über eine Kindheit auf dem bayerischen Dorf

Bewertung: 4
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Angesichts des todesschwangeren Titels fürchtet man nichts Gutes, als der elfjährige Sebastian in den ersten fulminanten Minuten dieses Films nach einer Kollision mit einem Lastwagen mit ausgestreckten Gliedmaßen auf der Landstraße liegt: "Noch mal Glück gehabt", brummelt der Junge jedoch und rappelt sich hoch, nur um wenige Momente später schon im nächsten Schlamassel zu stecken, der drei Hasen das Leben kostet. Im Grunde ist Sebastian aus Germringen das bayerische Äquivalent für den schwedischen Lausbuben Michel aus Lönneberga. Ununterbrochen stolpert er von einem Missgeschick ins nächste, von einem Streich zum folgenden, was wiederum auch damit zu tun hat, dass er mit viel Fantasie versucht, sich einen Reim auf die komplizierte Welt zu machen, in der er mutterlos und mit einem überarbeiteten alleinerziehenden Vater weitgehend auf sich allein gestellt ist.

Es ist eine Mischung aus düsterem Katholizismus, ungezügelter Kinderfantasie und aberwitzigen Albträumen, aus Laientheater, Stammtischlatein und Einmann-Radioperformance, die das Filmdebüt von Marcus Hausham Rosenmüller zu einem ziemlich irrwitzigen Cocktail macht, zu einer Art Achterbahnfahrt durchs bayerische Hinterland. So wie einst Louis Malles kleine Zazie ganz Paris in einen Jahrmarkt verwandelte, verfährt nun auch Sebastian zwischen Bauernhof, Friedhof und Radiostation seines Heimatortes, und ein wenig erinnert er dabei auch an den kanadischen Kinohelden Saint Ralph, der kürzlich als jüngster Marathonläufer um ein Wunder für seine im Koma liegende Mutter kämpfte. Den Stein bringt Sebastians älterer Bruder ins Rollen, als er ihn wütend des Mordes an ihrer Mutter bezichtigt, weil sie schließlich am Tag von Sebastians Geburt gestorben sei. Nachts im Traum gebiert diese Anschuldigung schreckliche Ungeheuer, da verzerren sich die Probentexte der Laientheatertruppe, die er im Halbschlaf aus der väterlichen Gaststube hört, zu einem grausigen jüngsten Gericht im roten Feuerschein. Fortan setzt Sebastian alles daran, nicht allzu bald oder, besser noch, nie zu sterben, denn als bayerischer Landjunge hat er eine gehörige Angst vor dem Fegefeuer, das für einen Schlingel wie ihn recht unangenehm werden könnte.

In Gang gehalten wird die Maschinerie des Films durch eine Folge von Missverständnissen, aus Ratschlägen, die er mit kindlicher Logik allzu wortwörtlich nimmt: Beim Schulausflug zur lokalen Radiostation setzt ihm der Moderator den Floh ins Ohr, dass er nur berühmt werden muss, um unsterblich zu werden, worauf er mit einigen kriminellen Energien versucht, an eine Gitarre zu kommen. Die Stammtischbrüder sagen ihm, dass er sich nur fortpflanzen müsse, um unsterblich zu werden, worauf er am nächsten Tag in der Schule die hübsche und einigermaßen konsternierte Lehrerin beherzt fragt, ob sie vielleicht mit ihm vögeln wolle, und nebenbei kümmert er sich mit großem Eifer und bizarren Voodoobeschwörungsformeln darum, seinem Vater eine neue Frau zu verschaffen, die "G'schick, Grips und an g'scheiten Oarsch hat", und außerdem auch noch gut die Leviten lesen kann.

So treibt der katholisch-bayerische Glaube im Verein mit einer regen Kinderfantasie allerlei bizarre Blüten, in denen sich durchaus auch das Gemüt von Regisseur Rosenmüller und Autor Lerch spiegelt, die im Interview keinen Hehl daraus machen, vor allem mit ausgelassenem Spaß an der Freud an ihren Debütfilm herangegangen zu sein.

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