Kritik zu Wunder der Wirklichkeit

© Real Fiction Filmverleih

2017
Original-Titel: 
Wunder der Wirklichkeit
Filmstart in Deutschland: 
24.05.2018
L: 
97 Min
FSK: 
12

Der Filmemacher Martin Kirchberger ist 1991 mit 31 Jahren gestorben. ­Thomas Frickel nähert sich in seiner Doku seinem Leben und Werk an

Bewertung: 4
Leserbewertung
0
Noch keine Bewertungen vorhanden

Alois Schgaguler ist ein alter Einsiedlerhofbauer, der mit Schlitten und Pferd durch die Winterlandschaft fährt, um Gurken in den Schnee zu stechen, eine uralte Tradition, wie er erzählt, um Haus und Hof vor Unheil zu schützen. Er ist der Letzte, der dieses Handwerk noch beherrscht, sagt er. 1988 hat der Rüsselsheimer Martin Kirchberger den Zehnminüter Schgaguler gedreht, einen der besten deutschen Kurzfilme der achtziger Jahre, als es das Format der Mockumentary noch gar nicht so recht gab. Kirchberger liebte dieses Ineinander von Fiktion und Beobachtung, und er mochte kauzige Typen, etwa Herrn Buchholz, der glaubt, dass das Gewicht der Erde nachlässt, und der deshalb die Bäume festkettet: »Buchholz bleibt«, 1990.

Die meisten von uns dürften die Filme von Martin Kirchberger erst nach seinem Tod kennengelernt haben. Denn Kirchberger stürzte 1991 in der Nähe von Heidelberg mit seiner Filmcrew ab, bei den Dreharbeiten zu »Bunkerlow«. 28 Menschen starben, auch viele spontan rekrutierte Statisten aus der Nachbarschaft des Filmemachers. Thomas Frickel, ein Freund Kirchbergers, auch aus Rüsselsheim, hat das Leben Kirchbergers rekonstruiert, mit unveröffentlichten Filmaufnahmen, Fotos und Gesprächen. Es ist ein persönlicher Film geworden, wie könnte es auch anders sein, aber kein allzu persönlicher, sondern auch einer, der den künstlerischen Provokationen jener Jahre in der Provinz nachspürt und die politischen Verwerfungen Hessens, wie etwa den Kampf um die Startbahn West, nicht auslässt.

Und Kirchberger, der seit 1984 unter Helmut Herbst in Offenbach Film studierte, war ja nicht nur Filmemacher, sondern so etwas wie ein Konzept- oder Aktionskünstler – mit sich selbst im Mittelpunkt. Er hat Musik gemacht, mit der Band Käpt’n Rüssel, er hat als »Wendemaler« Fassaden bemalt (mit einem Ausweis auf den Namen Adam Opel auf dem Rüsselsheimer Rathaus), und er hat gezeichnet. Zu den schönsten Sequenzen von »Wunder der Wirklichkeit« gehören die Animationen seiner Zeichnungen durch den Künstler Lutz Garmsen, mit dem zusammen er in Offenbach studiert hatte.

»Bunkerlow« wirkt heute wie ein uneingelöstes Versprechen für Kirchberger und seine Gruppe, der erste Film, der Förderung erhielt, fast schon ein Großprojekt. Er handelt von einem Werbeflug für Sicherheitsfanatiker, diesmal eine waschechte Mockumentary. Erst nach dem Tod Kirchbergers ist der Film, der den Durchbruch hätte bedeuten können, unter Aufsicht von Frickel zusammengesetzt worden. Das Leben und die Kunst Kirchbergers haben auch etwas Manisches, immer war die Kamera dabei. In einer Archivaufnahme sitzt er im Cockpit der »Bunkerlow«-Maschine und interviewt den Piloten, bis der erschreckt abwinkt. Das war Sekunden vor der Kollision mit einem Baum. Frickel setzt die Szene an den Beginn seines Films, aber wer sie gesehen hat, wird sie nicht vergessen können.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns