Kritik zu Winter in Sokcho

© Film Kino Text

2024
Original-Titel: 
Hiver a Sokcho
Filmstart in Deutschland: 
05.02.2026
L: 
105 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Mit stilistischer Raffinesse erzählt das Drama von einer jungen Koreanerin, die sich Fragen nach der eigenen Identität stellt.

Bewertung: 4
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Literatur hat Soo-ha (Bella Kim) studiert, weiß aber nicht so recht, was sie damit anfangen soll. Also jobbt sie in der koreanischen Küstenstadt Sokcho einstweilen in der Pension eines liebenswürdigen, alten Witwers, in der sich ein französischer Tourist über den ganzen Winter einmietet. Da sie als Einzige seine Sprache spricht, muss sie sich um ihn kümmern.

Das ist die Ausgangssituation von Koya Kamuras Regiedebüt nach dem gleichnamigen Roman der frankokoreanischen Robert-Walser-Preisträgerin Elisa Shua Dusapin. Als ausgesprochener Slow Burner tippt der Film zahlreiche Motive an, ohne sie plakativ auszuspielen. So erschließt sich erst allmählich, warum Soo-ha überall nur »Bohnenstange« genannt wird. Für eine Koreanerin ist sie ungewöhnlich hochgewachsen, weil ihre Mutter sich dereinst auf einen Franzosen einließ, der sie jedoch schwanger sitzenließ.

Ihre Mutter bekniet sie, ihren Freund (Gong Do-yu) zu heiraten, ein aufstrebendes Fotomodel. Doch mit der Welt der Mode und der – in Korea verbreiteten – Schönheits-OPs, zu denen der Freund sie drängt, kann Soo-ha nichts anfangen. Interessanter findet sie den neuen Gast Yan (Roschdy Zem), der wie ihr Vater, den sie nie kennenlernte, Franzose ist. In der wachsenden Neugier gegenüber diesem schrulligen Comickünstler, der Papier und Tusche vor Gebrauch abschmecken muss, spiegelt sich auch die schmerzliche Leerstelle ihrer eigenen kulturellen Verwurzelung.

Doch die Annäherung zwischen ihm und der jungen Koreanerin auf der Suche nach ihrer Identität erweist sich als herbe Enttäuschung. Roschdy Zem, im französischen Kino eine feste Größe, verkörpert den grantigen Künstler als sensiblen Beobachter, der jedoch nichts von sich preisgibt. Mit ihrem Leinwanddebüt ist die grazile Bella Kim, die selbst in Sokcho aufwuchs, prädestiniert für die Rolle der entwurzelten Koreanerin, die in dem Franzosen eine Projektionsfläche erblickt.

Dieses erotisch aufgeladene Motiv der unerfüllten Vatersehnsucht macht der Film durch seine zurückhaltende, elliptische Erzählform indirekt spürbar. So wirkt auch die ausgiebig gezeigte Zubereitung des Essens, im koreanischen Kino traditionell wichtig, nie wie im Kochvideo. Selbst die Geschichte um den legendären Fugu, ein Delikatessenfisch, der – wie man aus einer Columbo-Folge weiß – bei nicht sachgemäßer Zubereitung absolut tödlich sein kann, wird nur angedeutet. Und auch die Landschafts­panoramen, zuweilen atemberaubend schön, erscheinen nie wie ein Postkartenidyll. Und so erzeugt diese melancholische Charakterstudie durch das, was nicht gesagt und nicht gezeigt wird, eine hypnotische Sogwirkung.

Der Film hat noch ein ästhetisches Sahnehäubchen: Um den Konflikt der jungen Frau spürbar zu machen, verbindet Kamura nahtlos Realfilm mit Animationen von Agnès Patron – bekannt für ihren preisgekrönten Kurzfilm »Die Stunde des Bären«. Die stilvollen Graphic-Novel-Sequenzen sind wie Fenster ins Innenleben der Protagonistin. »Winter in Sokcho« überzeugt als warmherzige Culture-Clash-Geschichte mit unterkühlten Melodramelementen.

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