Kritik zu Wild Horse Nine
Martin McDonagh, der König der traurigen Komödie, erzählt von zwei CIA-Agenten und Freunden, die im Jahr 1973 eine letzte Urlaubsreise auf die Osterinsel machen, denn einer der beiden ist todkrank.
Was bitte schön soll Käsekultur mit Homosexualität zu tun haben? Wenn man Chris (John Malkovich) in Martin McDonaghs Tragikomödie »Wild Horse Nine« glaubt, besteht da ein ganz unmittelbarer Zusammenhang: je mehr guter Käse, desto schwuler sei ein Land. Holland! Und die Schweiz erst! Ja ne, ist klar. Der alte CIA-Hase erzählt neben heftigen Wahrheiten eben auch viel Quatsch.
McDonagh siedelt seinen neuen Film 1973 an, kurz vor dem Militärputsch in Chile gegen den sozialistischen Präsidenten Salvador Allende. Wer die Historie kennt, weiß, dass sich Allende das Leben nahm und eine Junta unter Diktator Augusto Pinochet folgte. Vor diesem Hintergrund also reist Chris mit seinem Kollegen und Freund Lee (Sam Rockwell) auf die Osterinsel – eine letzte Reise, denn Chris leidet unter Gedächtnisproblemen und ist, wie wir nach und nach erfahren, todkrank.
Sehr erfolgreich hat sich McDonagh einen Platz mit seinem eigenen Sound erarbeitet. Zimperlich oder politisch korrekt geht es beim ihm nie zu, sein Kino ist vieles auf einmal: komisch, tragisch, melancholisch, brutal, teils zynisch und zugleich durch und durch menschlich. In »Three Billboards Outside Ebbing, Missouri« erzählte er von einer Frau, die sich, nachdem die Vergewaltiger ihrer Tochter nicht gefasst wurden, mit der rassistischen Polizei des Provinzkaffs anlegt. In »The Banshees of Inisherin« verarbeitete er zuletzt den irischen Bürgerkrieg in einer tragikomischen Geschichte über zwei Freunde, von denen einer die Freundschaft aufkündigt. Mit Wild Horse Nine schließt sich nun ein Kreis zu seinem Debüt »Brügge sehen . . . und sterben?«. Waren es dort zwei Gangster, von denen der eine den anderen nach einem misslungenen Auftrag in der belgischen Kleinstadt erschießen soll, so sind es in »Wild Horse Nine« zwei CIA-Agenten. Wobei der Kranke immer vergisst, dass er von seinem jüngeren Freund erschossen werden will – eine ähnliche Konstellation also und dennoch ein völlig anderer Film.
Im Nacken sitzt den beiden Freunden der Südamerika-Chef MJ (herrlich verschroben: Steve Buscemi). Der hat wahnsinnige Angst davor, dass Chris, wie er angekündigt hat, seine Memoiren schreibt. Bei all den CIA-Geheimnisse, die er mit sich herumträgt . . . Es wird sogar angedeutet, er wüsste Genaueres über die Ermordung John F. Kennedys. Soso! Der redselige Zyniker geht mit seinen Geheimnissen alles andere als vertraulich um. Am Flughafen verrät er der linken Studentin Monica (Mariana Di Girólamo), dass er und sein Kumpel von der CIA seien, und erzählt von den amerikanischen Bestrebungen, »die Demokratie in Chile zu destabilisieren« – Lee versucht, das wegzulachen. Später sagt Chris voraus, was tatsächlich Brutales in dem südamerikanischen Land passieren wird. Die historischen Ereignisse thematisiert Wild Horse Nine als grausames kapitalistisches Kalkül der USA.
Einmal mehr zeigt sich der irische Regisseur und Dramatiker als König der traurigen Komödie: Schenkelklopfer-Dialoge »on point« und zarte Endlichkeitsmelancholie wechseln sich vor historischem Hintergrund und den berühmten »big heads« auf der Insel munter ab. Sam Rockwell und John Malkovich sind das Buddy-Couple des Kinojahres – Letzterer wurde, völlig zu Recht, nach der Premiere auf dem Filmfest in Venedig mit dem Darstellerpreis ausgezeichnet. Ganz sicher wird »Wild Horse Nine« bei der Awardseason bis hin zu den Oscars eine Rolle spielen.
Chris entwickelt sich auf seiner letzten Reise auf der Insel zu einem Philosophen, der zudem herausfinden muss, wem er trauen kann. In den Wildpferden, die auf der Insel leben, findet er einen Spiegel seiner selbst – wie in fast allen Filmen McDonaghs spielen Tiere hier eine zentrale Rolle. Die Pferde passen, denn am Ende ist der Film ein bisschen auch ein Western mit Knarren und Kopfschüssen vor erhabener Naturkulisse. Vor allem aber ist er die Wahnsinnsgeschichte einer Freundschaft: eine lustige, wahrhaftige und immer wieder auch eine zu Tränen rührende.









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