Kritik zu Wer wir sind und wer wir waren

© Tobis Film

Haben sie jemals wirklich zusammengepasst? Annette Bening und Bill Nighy spielen ein Paar, dessen Ehe nach fast 30 Jahren zerbricht, und Regisseur William Nicholson beobachtet sie dabei mit kalkuliert kühlem Blick

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Szenen einer Trennung. Natürlich geht Edward beim Nachhausekommen an seiner Frau Grace vorbei, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Er fragt auch nicht, wie ihr Tag war. Und natürlich kocht er nur sich selbst eine Tasse Tee. Es gibt nach beinahe 29 Jahren nichts mehr, was er ihr noch sagen möchte. Und das treibt Grace zur Verzweiflung und damit zur Weißglut. Sie weiß genau, wie sehr Edward ihre ständigen Fragen, ihr fortwährendes Drängen, ihre ewigen Vorwürfe nerven. Aber sie kann einfach nicht aufhören. Der stille, meist zu Boden schauende Mann, der seine Gefühle in sich verschlossen hat, ist die Wand, gegen die sie wieder und wieder anrennt. Bis zu dem Sonntagmorgen, an dem er ihr am Küchentisch verkündet, dass er sie verlassen wird, dass er sich in eine andere Frau verliebt hat, dass ihr Leben zu zweit nicht viel mehr als ein Missverständnis war.

Dieser Moment, in dem die schon lange im Raum stehende Trennung Realität wird, ist so etwas wie das Herz von William Nicholsons Ehedrama »Wer wir sind und wer wir waren«, einer Adaption seines eigenen Bühnenstücks »The Retreat from Moscow«. Für einige Minuten, in denen die heimelige, aber auch ziemlich enge und vollgestellte Küche von sanftem Sonnenlicht illuminiert wird, kann Nicholson den ganzen literarischen und philosophischen Überbau vergessen, den er zuvor und auch danach so akribisch genau errichtet hat.

Während die von Annette Bening gespielte Grace fassungslos am Tisch sitzt und Edward (Bill Nighy) an der Spüle lehnt, spielt es keine Rolle, dass sie ihre Tage damit verbringt, eine Gedicht-Anthologie zusammenzustellen. Auch sein gesteigertes Interesse an den Tagebüchern, in denen Napoleons Offiziere ihren Rückzug aus Russland beschreiben, tritt in den Hintergrund. In diesem Augenblick sind Grace und Edward ganz bei sich. Er findet endlich den Mut, all die Wahrheiten auszusprechen, die er bisher in sich vergraben hat.

Obwohl Bill Nighy kaum äußerliche Regungen zeigt, offenbart sich die Veränderung, die diese Aussprache mit sich bringt, in seiner Haltung, seiner minimalen Körpersprache. Dieser Geschichtslehrer ist kein Mann, der es versteht, Gefühle zu zeigen. Aber er ist nicht gefühllos. Nighys Zurückhaltung beantwortet Annette Bening mit einem wahren Sturm der Emotionen. Innerhalb von Sekunden ziehen die unterschiedlichsten Regungen durch ihr Gesicht. Entsetzen weicht einem Flehen, Wut mischt sich mit Resignation. Grace, die nie loslassen konnte, die immer auf die Macht der Worte vertraut hat, kann auch in diesem Augenblick nicht aus ihrer Haut.

Wie Jamie (Josh O'Connor), Graces und Edwards erwachsener Sohn, der durch die Trennung seiner Eltern endgültig zwischen deren Fronten gerät, schlägt sich auch William Nicholson niemals auf die Seite einer seiner beiden Figuren. Sein Blick auf dieses Paar ist der eines Chronisten. Er registriert ihre Marotten und ihre Schwächen, ohne sie bloßzustellen, aber auch ohne den Wunsch, Sympathie zu erwecken. Es geht nicht darum, die beiden zu mögen; Nicholson gelingt es, dass man ihr Verhalten versteht, dass man den Schmerz spürt, den sie beide auf höchst unterschiedliche Arten empfinden.

Allerdings vertraut der Autor Nicholson letztlich dem Regisseur Nicholson zu wenig. Denn der Überbau, die Gedichte, die Grace aus dem Off zitiert, und die Tagebucheinträge der napoleonischen Offiziere, die Edward in inneren Monologen rezitiert, sind eigentlich überflüssig. In ihnen wird Literatur, was auch so offensichtlich ist. Es ist nicht nötig zu hören, wie der Lehrer sein Verhalten auf diese Weise indirekt rechtfertigt. Schon die Szenen, in denen er einsam durch das kleine Städtchen Seaford geht, sprechen eine eindeutige Sprache. Für ihn ist die Trennung von Grace tatsächlich eine Frage von Leben und Tod. Und Annette Benings zwischen Exaltation und Sarkasmus changierendes Spiel verströmt eine Art von Poesie, die im Kino einen weitaus stärkeren Eindruck hinterlässt als ein paar Zeilen aus den Gedichten von William Butler Yeats oder Dante Gabriel Rossetti.

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