Kritik zu Welcome to Sodom

© Camino

In ihrer kunstvollen Dokumentation begeben sich die Regisseure Florian Weigensamer und Christian Krönes auf den Friedhof der Elektrogeräte des reichen Europa nach Accra, der Hauptstadt von Ghana

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Es gibt Menschen dort. Sie halten Ziegen, Schafe und Rinder. Sie leben ein ganz normales Leben in Armut. Sie recyceln, was das reiche Europa nicht mehr braucht. Und doch ist der Ort ein verwunschener. Seine Bewohner nennen ihn Sodom. 

Wenn wir hierzulande ein Handy in den Sondermüll werfen oder einen alten Computer entsorgen, dann vertrauen wir darauf, dass man die wertvollen Teile schon vom Restmüll trennen wird. Wie das aber tatsächlich vonstattengeht, ist den meisten egal. Nicht mehr, wenn sie diesen Film gesehen haben. Denn das ewig rauchende, manchmal unwirklich schwankende, stinkende Sodom ist eine reale, riesige Müllhalde in Accra, der Hauptstadt Ghanas. Vor noch nicht allzu langer Zeit war Agbogbloshie  ein Sumpf, ein feuchtes Gebiet, in dem niemand leben konnte. Heute ist es bedeckt von einer Schicht aus Elektroschrott, auf der 6000 Menschen leben, die Elektrogeräte aufschrauben, um an das Kupfer zu kommen, und nach Metallen suchen, die wiederverkäuflich sind. Mit einem alten Lautsprecher pflügt ein kleiner Junge den Boden um. Altes Eisen, das an dem Magneten hängen bleibt, verkauft er für Pfennigbeträge. Das ist das Geschäft für die Kleinsten, an einem Ort, der vom Müll lebt. Metall für die Jungen, Frischwasser in Tüten für die Mädchen. In der Hitze der kleinen Feuerstellen verbrennen sich die Männer Hände und Arme. Das Wasser aus den Beuteln kühlt.

Und dann gibt es den Mann, den keiner kennt, der die weggeworfenen Tüten wieder einsammelt und daraus ein kleines Geschäftsmodell entwickelt hat. Genug zum Überleben. Er will unsichtbar bleiben, denn er ist schwul und kommt aus Gambia, einem Staat, dessen Ex-Präsident Yahya Jammeh Homosexuelle als »Ungeziefer« bezeichnete, das man »töten solle, wie Moskitos«. Er war einst ein erfolgreicher Medizinstudent, jetzt ist er auf der Flucht. Dort, wo sich niemand um den anderen kümmert, ist er einigermaßen sicher. So wie der kleine Junge, der Eisensammler, der eigentlich ein Mädchen ist.

Das Großartige an diesem Film ist seine Haltung. Voller Respekt und Achtung begegnet er den Menschen, die Würde haben, obwohl sie in würdelosen Bedingungen leben müssen. Die Welt aus Schrott und Müll gibt ihnen Brot und Zukunft. Ökologie und Nachhaltigkeit sind hier kein Thema. Selbstironisch wird ein Rap aufgenommen: You are welcome to Sodom. Der Film lässt die Menschen erzählen, was sie bewegt. Nicht im Interview, sondern aus dem Off, mit klarer Stimme in afrikanischem Englisch. Die mythischen Höllenbilder von Agbogbloshie sind die Negativfolie unserer aseptischen glanzvollen digitalen Welt. Und in diesem Ort, den es nur gibt, weil wir unseren Müll nicht sehen wollen, spiegelt sich der ganze Umgang der westlichen Welt mit dem afrikanischen Kontinent, den wir bereits aufgegeben haben. Ein Ort, der eigentlich voller Hass und Wut auf den Teil der Welt schauen müsste, der sein Elend verursacht. Und dass diese Wut allenfalls produktiv genutzt wird, sich in schwerer Arbeit entlädt, sollte uns zu denken geben, wenn wir wieder mal ein Flüchtlingsschiff abweisen.

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