Kritik zu Welcome to Sarajevo

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Seit dem Vietnamkrieg, dem ersten Krieg, den die Zuschauer am Bildschirm "live" erleben konnten, gehören Berichte aus den Krisenherden der Welt zum TV-Alltag wie die Wetterkarte zur Tagesschau. Bilder von zerfetzten menschlichen Körpern haben ihre aufrüttelnde Wirkung längst verloren, ihre Verwendung in zu "Action News" heruntergekommenen Nachrichtensendungen erfolgt nicht selten allein nach dem Kriterium ihres Sensationswerts. Dennoch ist Michael Winterbottoms Film kein weiteres Lamento über die Rolle der Medien und ihrer Konsumenten, im Gegenteil. »Welcome to Sarajevo« erzählt von Menschen, die ihre Beobachterposition aufgeben, die sich einmischen. Die Geschichte stützt sich auf Erinnerungen an den Bosnien-Krieg, die der Kriegsberichterstatter Michael Nicholson in dem Buch "Natasha's Story" festgehalten hat. Im Mittelpunkt steht der englische Journalist Michael Henderson (Stephen Dillane), der anläßlich einer Reportage über ein Waisenhaus nahe der Front der halbwüchsigen Emira (Emira Nusevic) verspricht, sie aus dem Inferno zu retten. Als sich die Möglichkeit ergibt, eine Gruppe von Kindern außer Landes zu bringen, nimmt er Emira mit ...

Es gibt Filme, die an Kriegsschauplätzen spielen, weil die zerstörten Häuser eine spektakuläre Kulisse bilden - meist für eine Story, die ebensogut an irgendeinem anderen Schauplatz spielen könnte. Andere Filme nutzen ihre Stories als Alibi, um sich ihrerseits in kriegerischen und blutrünstigen Aktionen ergehen zu können.»Welcome to Sarajevo« hebt sich von beiden Varianten ab, weil hier eine Geschichte erzählt wird, die glaubwürdig mit der Situation in der bosnischen Hauptstadt – der Film spielt im Kriegsjahr 1992 – verknüpft ist. Winterbottoms Film verbindet die Spielszenen behutsam mit dokumentarischem Material, meist Fernsehbildern aus jener Zeit, und vermeidet damit den Eindruck, die Spannung des Geschehens durch nachgestellte Szenen noch steigern zu wollen. Ebenso verzichtet er auf eine "kinogemäße" Zuspitzung der Geschichte, die damit ganz ohne den klassischen Plot auskommt. Der Film gewinnt seine Dramatik vielmehr aus seiner Konzentration auf das alltägliche Grauen, das das Leben der Menschen hier bestimmt: wenn der Gang zur Wasserstelle ein lebensgefährliches Unterfangen ist, die erleuchtete Wohnung zur Zielscheibe der Heckenschützen wird, wenn man wertvolle Bücher verbrennen muß, um ein paar Reste aufzuwärmen, und drei geschenkte Hühnereier zu einem Festmahl werden. Kurz, wenn sich die ehemals vertraute Umgebung in ein fortwährendes Inferno verwandelt.

Winterbottom reflektiert dabei auch die ambivalente Rolle der Medienvertreter vor Ort. Diese sind zum einen zum Voyeurismus angehalten, um möglichst quotenträchtige Bilder in die Heimat zu schicken, zum anderen ist ihr Bemühen erkennbar, über diese Bilder auch das öffentliche Interesse an einem Konflikt wachzuhalten, dem auch sie selbst sich physisch und emotional nicht entziehen können. Diese Ambivalenz wird gleich zu Beginn, in der einzigen wirklichen "Kinoszene", deutlich: Unter dem Feuer von Heckenschützen rettet der abgebrühte amerikanische Starreporter Flynn (Woody Harrelson) einen angeschossenen Zivilisten von der Straße, nicht ganz uneigennützig, wie er zugibt: "Back home no one's heard of Sarajevo, but they've all heard of me" - Zynismus ist bekanntlich die Kehrseite der Menschenfreundlichkeit. Seinem Kollegen Henderson wird wenig später die Logik der heimischen TV-Potentaten vor Augen geführt, als selbst Aufnahmen von einem Raketenangriff auf einen belebten Marktplatz als nicht spektakulär genug erachtet werden, um Berichte über die Trennung des Prince of York und seiner Gemahlin Sarah Ferguson aus den Schlagzeilen zu verdrängen.

Zielrichtung von Winterbottoms Kritik sind aber in erster Linie die politisch Verantwortlichen der westlichen Länder. Immer wieder finden sich in »Welcome to Sarajevo« Ausschnitte aus Interviews und Statements des englischen Premiers Major, des US-Präsidenten sowie verschiedener Polittouristen, die in immer gleichen Formulierungen die Gründe für die eigene Tatenlosigkeit herunterbeten. Das Verfahren, authentisches Material dieser Art in den Film hineinzuschneiden, mag manchem plakativ oder auch der komplexen politischen Situation nicht angemessen erscheinen. Es unterstreicht aber den humanen Grundzug dieses Films, dem es nicht um die politische Anatomie eines Konfliktes, sondern um dessen Opfer geht.

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