Kritik zu Was heißt hier Ende?

© Zorro

2015
Original-Titel: 
Was heißt hier Ende?
Filmstart in Deutschland: 
18.06.2015
L: 
120 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Dominik Grafs Porträt des jung an Krebs verstorbenen Kritikers Michael Althen ist eine lange Hommage an dessen Liebe zum Kino und die lustvollen Phantomschmerzen, die es bereitet

Bewertung: 3
Leserbewertung
4
4 (Stimmen: 1)

»Deine Kritiken sind wunderschön«, sagte sein Vater einmal zu ihm, »aber deine Nachrufe sind noch schöner.« Er schrieb sie mit der Umsicht eines Liebhabers. Er weigerte sich, dieses Fazit noch zu Lebzeiten eines Stars oder Regisseurs zu ziehen. In jeden Urlaub fuhr Michael Althen mit der Furcht, nicht erreichbar zu sein, falls Michelangelo Antonioni starb.

Der filmische Nachruf, den ihm nun Dominik Graf widmet, ist aus einer dankbaren, lebenszugewandten Trauer heraus gedreht. Dessen Leben, dafür gibt ihm ein Essay Althens das Stichwort, betrachtet er vom Ende her. Der Tod ist in Was heißt hier Ende? als eine Ahnung stets präsent. Wie ein Leitmotiv zieht sich Althens Beschäftigung mit dem Maler Nicolas de Staël durch den Film, der sein Lebenswerk nicht vollendete, weil er ihm selbst ein Ende setzte. Noch ein weiterer, angekündigter Selbstmord faszinierte ihn, der von Maurice Ronet, dem Protagonisten von Das Irrlicht, Louis Malles Meisterwerk existenzieller Unbedingtheit. Für ihn selbst freilich war das keine Option.

Aus guten Gründen gibt es kaum Filme über Filmkritiker: Der Beruf gibt visuell nicht viel her, und seine Vertreter neigen zur Nabelschau. Die wenigen Beispiele porträtieren Persönlichkeiten, Serge Daney, Roger Ebert, Michel Ciment, deren Leben oder auch Sterben etwas bezeichnen, das über ihre Arbeit hinausweist. Graf legt seinen Film als Künstlerporträt an. Aus Althens Kritiken, Festivalberichten und Nekrologen zitiert er, wie man sonst aus Gedichten zitiert. Dabei wird dessen Stil wunderbar kenntlich, die dandyhafte Eleganz, der originelle Blick auf Vertrautes und die Lust am Ungefähren, bei der die Fantasie ins Schweben gerät. Es kommen nur Bewunderer zu Wort; einzig in einem kurzen Moment geht ein talking head auf Abstand zum poetischen Überschwang einer Formulierung. Wäre es nicht auch interessant gewesen, wie Althens Texte auf einen normalen Leser wirken, der nicht beruflich, freundschaftlich oder familiär mit ihm verbunden war?

Graf rekapituliert eine schon vergangene Epoche der jüngeren deutschen Zeitungsgeschichte: eine Zeit, in der eine Generation selbstbewusst antrat, deren Liebe zum Kino (vor allem dem amerikanischen) sich nicht mehr durch soziologische Relevanz legitimieren musste; eine Zeit, in der der Beruf noch nicht vom Prekariat bedroht war, sondern Autoren mit hochdotierten Verträgen abgeworben werden konnten. Einige Weggefährten sprechen über ihn im Selbstverständnis, einer Elite anzugehören. Es treten auch hübsche private Eigenarten zu Tage, etwa Althens Weigerung, den Führerschein zu machen, welche er freilich durch ein besonderes Talent fürs Kartenlesen und zur Orientierung parierte. Graf zeichnet seinen Freund (und gelegentlichen Koregisseur) Althen als eine romantische Figur, für die Kino und Leben ein großes Versprechen ausgaben. »Er war bereit«, lautet der letzte Satz des Off-Kommentars. Ins Kino ging er nach eigener Auskunft, um schöne Frauen kennenzulernen. Das Leben hat es dann genau so gefügt und ihn später mit der Chance überrascht, sich als Familienmensch neu zu erfinden.

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