Kritik zu Vor uns das Meer

© Studiocanal

James Marsh (»Die Entdeckung der Unendlichkeit«) befasst sich iseinem neuen Film mit einem weiteren unkonventionellen Briten: einem Hobbysegler, der auf einer Regatta die Welt umrunden wollte

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Mit Twitter wäre das nicht passiert. Als Weltumsegler Donald Crowhurst an der argentinischen Küste anlandet und lokalen Polizisten begegnet, kann er dies bis zum Schluss geheimhalten. Denn laut den Regeln darf er bei seiner Weltumrundung keinen Zwischenstopp einlegen. Doch in diesem Stadium ist es eh schon egal, wohin genau er segelt. In einer Welt mit Satellit und Internet wäre Crowhursts Irrfahrt rechtzeitig aufgeflogen. 1968 reicht es, unter einem Vorwand den Funkkontakt abzubrechen, um einen Fehler bis zum bitteren Ende durchzuziehen. Erst durch diese absichtliche Funkstille gewinnt das Schicksal von Crowhurst, dem vierfachen Familienvater, der ohne Hochseeerfahrung bei einem von der »Sunday Times« ausgelobten Rennen als erster Nonstop-Einhandsegler die Welt umrunden wollte, seine ganze Tragik.

In der filmischen Nacherzählung erscheint Sonntagssegler Crowhurst als sympathischer Zauberlehrling, der mit dem Regatta-Preisgeld seine kleine Elektronik­firma sanieren will und eine Mechanik in Gang setzt, die er nicht kontrollieren kann. Um seinen Trimaran zu bauen, muss er Haus und Firma verpfänden; sein PR-Agent schiebt Crowhursts ehrbare Familie ins Blitzlicht, und seine Durchsagen, nach denen er in Rekordtempo in Richtung Kap Hoorn unterwegs sei, machen ihn zum Volkshelden. Dass sein Boot nicht fertig war, als er ziemlich widerwillig und von seinen Geschäftspartnern gedrängt in See stach, geht in der allgemeinen Begeisterung unter.

Regisseur Marsh geht auf die vielschichtigen Aspekte dieser fatalen Odyssee nur halbherzig ein. Er verwendet stattdessen viel Zeit für die Illustration eines Bilderbuchstädtchens an der Kanalküste mit einer Bilderbuchfamilie und einer liebenden ­Ehefrau, die ihren Mann in druckwürdigen Sentenzen in seinem Wagemut unterstützt: ein nostalgisches Nachkriegsambiente mit Pub, Fleet-Street-Reportern und gescheiteltem Nachwuchs. Erstklassig ist auch das En­semble, und der Soundtrack, die letzte Filmkomposition des Isländers Jóhan Jóhansson vor seinem Tod, beschert dem Film einen weiteren traurigen Abschied. Doch das Drehbuch traut sich trotz des dramatischen Stoffs nie in die Tiefe. Crowhurst verstrickt sich nämlich derart in sein Seemannsgarn, dass er gar versucht, seine Heimkehr hinauszuzögern, um nicht als Erster anzukommen und seine Logbücher offenlegen zu müssen. Colin Firth ist mit seinem stets geschmerzten Gesicht die eigentlich ideale Besetzung für diesen Antihelden, der sich, zwischen Lächerlichkeit und Tod, von einer Bredouillein die nächste und so in eine auswegslose ­Lage manövriert. Doch statt sein Scheitern etwa mit technischen, maritimen oder auch nur charakterlichen Details zu unterfüttern, wird schlicht zwischen Visionen der Heimat­idylle und endloser Ozeanwüste hin undher gezoomt. Man begreift nicht einmal, wann Crowhurst seinen Entschluss zur Regattateilnahme, von dem der Zuschauer ebenso wie die Ehefrau überrascht wird, fasst. Übrig bleibt das etwas abgestandene Klischee einer Nation aus Gärtnern und ­Seefahrern, die es, irgendwie magisch, ins Blaue zieht.

Meinung zum Thema

Kommentare

Liebe Frau Roschy,
trotz Ihrer vernichtenden Kritik habe ich mir den Film gestern Abend angesehen und kann Ihre Meinung keinesfalls teilen. Der irreführende deutsche Titel mag Ihre Erwartungen fehlgeleitet haben. Dem Originaltitel »The Mercy« folgend, hat mir der Film eine tragische Lebensgeschichte mit stimmiger Bildkomposition, großartiger Musik und wirkungsvollem Ton nahe gebracht. Ich fürchte, Sie haben den Film nicht verstanden;-).

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