Kritik zu Villa Amalia

Trailer OmeU © Verleih

Weggehen, um vielleicht anzukommen: Benoît Jacquots Verfilmung des gleichnamigen Romans von Pascal Quignard ist die kühl anteilnehmende Chronik einer Häutung, in der eine Pianistin sämtliche Brücken zu ihrem bisherigen Leben abbricht

Bewertung: 3
Leserbewertung
0
Noch keine Bewertungen vorhanden

Wenn sie ihn anschaut, sieht sie nicht mehr viel. 15 gemeinsame Jahre sind genug. Anns Entschluss ist unverhofft und unwiderruflich. Thomas wird von ihm kalt erwischt; Xavier Beauvois spielt ihn roh und verletzlich, mit ratloser Zärtlichkeit. Aus ihren Worten ist keine Spur von Bedauern herauszuhören. Barmherzigkeit ist sie ihrem Lebensgefährten nicht schuldig.

Die Männer auf der Leinwand zu verlassen, ist eine Disziplin, die Isabelle Huppert wie keine zweite Schauspielerin beherrscht; selbst wenn sie, wie in Gabrielle, den Schritt eisig zurücknimmt. Es braucht eine Meisterin der Distanz, damit Anns schneidende Offenheit für den Zuschauer erträglich wird. Dank Hupperts nüchterner Autorität gesteht man Ann zu, den Vertrag mit ihrem bisherigen Leben urplötzlich aufzukündigen, ohne ein Urteil über sie zu fällen. Unerklärlich, weshalb noch kein Regisseur auf die Idee gekommen ist, sie eine Chirurgin spielen zu lassen.

»Liegt es an etwas, das ich getan habe?«, fragt Thomas. Nicht einmal das, antwortet sie. Es ist ein existenzieller Bruch, den die gefeierte Konzertpianistin vollzieht. Sie wird fortan nicht mehr verfügbar sein, nicht einmal für ihren Jugendfreund Georges (Jean-Hugues Anglade), der unverhofft, wie ein Geist, aus ihrer Vergangenheit auftaucht. Am Ende wird ein zweiter erscheinen, ihr verschwundener Vater, ohne dass dieser entschieden unpsychologisch argumentierende Film darin eine Erklärung suchen würde. Ann löst ihre Wohnung auf, verbrennt die Artefakte ihrer Karriere und ihres Privatlebens. Als letzte Verbindung mit ihrer Vergangenheit spült sie ihr Handy die Toilette herunter. Sie bricht auf ohne die Gewissheit und vielleicht auch Absicht, anzukommen.

Der Sprung ins Leere ist eine Herausforderung, die Benoît Jacquot seinen Figuren immer wieder anträgt. Anns radikaler Abschied ist ein angstbesetzter Wunschtraum, den zu verwirklichen es eine Schauspielerin braucht, der man bereitwillig Furchtlosigkeit unterstellt. Jacquot besetzt Huppert wie eine Interpretin im musikalischen Sinne. Sie folgt ihrem eigenen Rhythmus. Anns Reaktionen sind sprunghaft, brüsk beendet sie Gespräche und flieht aus Begegnungen. Regelmäßig schreckt sie auf, aus einem Traum, aus ihrer Versunkenheit, aus einer Melodie, die nur sie hört. Caroline Champetiers Kamera begleitet sie mit unverbrüchlich neugieriger Anteilnahme. Auf Ischia findet sie zu gelassener Einsamkeit. Sie verbringt ihre Tage in asketischer Sinnenfreude; das Schwimmen ist das einzige Ritual, das sie aus ihrem früheren Leben beibehält.

Sacht bringt Jacquot das Motiv der Wiedergeburt ins Spiel. Während der Film zuvor in den gedämpften Farben (nicht der Depression, aber der Befangenheit) ausgemalt war, öffnet er sich nun, ohne touristische Arglosigkeit, für die sonnenüberflutete Landschaft, über der die titelstiftende Villa thront. Ist sie ein Sehnsuchtsort, wird sie zu einem Zuhause? Sie ist weder prachtvoll noch komfortabel, hat aber den zweifachen Vorzug, dass die Tür den Blick auf die unendliche Weite des Meeres freigibt – und sich auch wieder schließen lässt.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns