Kritik zu Verliebt, Verlobt, Verloren

© Farbfilm

2013
Original-Titel: 
Verliebt, Verlobt, Verloren
Filmstart in Deutschland: 
25.06.2015
L: 
95 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Der neue Dokumentarfilm der deutsch-koreanischen Regisseurin Sung-Hyung Cho ist den vergessenen Dramen der Liebesgeschichten zwischen nordkoreanischen Studenten und ihren Freundinnen in der DDR der 50er Jahre gewidmet

Bewertung: 3
Leserbewertung
2.5
2.5 (Stimmen: 2)

Ina Grauer, geborene Sim, wäre in ihrer Schulzeit in Jena am liebsten unerkannt »in der Masse verschwunden«, wenn die Kinder das Lied »Auf einem Baum ein Kuckuck saß« anstimmten und beim Refrain »Simsalabim« spöttisch herüberschauten. Ihre Mutter Marga Sim schob den letzten Brief von Inas Vater ganz tief in die Schublade, weil darin stand, er müsse seine Cousine heiraten, die Familienbeziehung in Jena sei beendet. Immer wenn sie heute die innere Schublade öffnet, verliert sie die Fassung.

Verliebt, verlobt, verloren, ein Dokumentarfilm der in Deutschland verwurzelten koreanischen Filmemacherin Sung-­Hyung Cho, rührt an die heiklen Punkte einer vergessenen Episode des Kalten Kriegs, die tief in das Leben junger Frauen in Dresden, Leipzig und Jena einschnitt. Sie verliebten sich in junge Nordkoreaner, bekamen Kinder mit ihnen und waren bereit, verheiratet oder nicht, ein gemeinsames Leben in Pjöngjang aufzubauen. Doch in der Ära Chruschtschow verschärfte sich der Hegemonialkonflikt zwischen der Sowjetunion und China, Nordkorea, der arme kleine Vasall Chinas, zog seine Auslandsstudenten aus dem sowjetischen Bruderstaat DDR ab und unterband peu à peu auch den brieflichen Kontakt.

Zerbrechlich, schwierig, verstrickt in Mangelgefühle und Konfrontationen mit der alles andere als weltoffenen Mentalität ihrer Umgebung – so schildern drei Protagonistinnen und ihre Kinder die Hypothek auf ihren DDR-Existenzen. Aber Sung ­Hyung Chos Zeitzeugengespräche setzen auf einer Ebene an, auf der die Emotionen im Fluss eines überindividuellen Erinnerungsprozesses lebbar geworden sind. Verliebt, verlobt, verloren verknüpft die Erzählungen der alten Damen, das Zeitkolorit ihrer atmosphärischen Schwarz-Weiß-Fotografien mit den Selbstaussagen ihrer Kinder. Reisedynamik kommt in die Aneinanderreihung der schönen alten Köpfe, wenn sich das Bild auf den deutsch-koreanischen Verein erweitert, in dem die Betroffenen ihre Recherchen über die verloren gegangenen Väter austauschen und im letzten Teil des Films sogar zu Reisen ins heutige Nordkorea aufbrechen.

Zwischen 1953 und 1960 schickte das Regime Studenten ins befreundete sozialistische Ausland, um sie später als Chemiker, Physiker und Ingenieure beim Aufbau ihres im Krieg zerstörten Landes einzusetzen. Historische Zusammenhänge wie den Koreakrieg, in dem die USA und das kommunistische Lager erbitterte Schlachten schlugen und die Teilung des Landes durchsetzten, erläutert der Film in behutsam animierten grafischen Passagen. Videos und Tagebuchnotizen zweier Reisen dokumentieren den sehnsüchtigen, fremd bleibenden Blick der Nachgeborenen.

Liana Schmitz-Kang, die Tochter eines Nordkoreaners, der mit zwanzig Kommilitonen aus der DDR in die Bundesrepublik flüchtete, bringt den Erzählmodus des Films am deutlichsten zum Ausdruck: Sie arbeitete den vergessenen historischen Komplex in einer wissenschaftlichen Arbeit auf. Ihr einnehmender Enthusiasmus steht für die Haltung des Films, der davon erzählt, wie Menschen ihre existenziellen Verluste in ihr Leben integrieren lernen.

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