Kritik zu Van Helsing

© Universal Pictures

Hugh Jackman als Vampirjäger im neuen Film von Stephen Sommers

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Und nun auch noch Van Helsing. Im letzten Herbst hatte die »Liga der aussergewöhnlichen Gentlemen« den Offenbarungseid des gegenwärtigen Blockbuster-Kinos geleistet – das Prinzip, möglichst viele Publikumsgruppen an ein Produkt zu binden, war implodiert. Allerlei Romangestalten des 19. Jahrhunderts wie Dorian Gray, Jules Vernes Kapitän Nemo und Bram Stokers Mina Harker hatten sich versammelt, um im Crossover neue Meilensteine in Sachen Sensation und Kasse zu setzen. Doch die Mehrwertverbindung scheiterte gerade an der angestrebten Fülle. Als leere Versprechen irrlichterten Nemo & Co durch ein erstaunlich gewöhnliches Abenteuer, das den geschichtsträchtigen Helden weder ihre alte Identität lassen noch eine neue schenken konnte. Und nun auch noch Van Helsing.

Was hat der promovierte Mediziner, Vampirforscher und -jäger aus Stokers »Dracula« mit R.L. Stevensons Mr. Hyde zu schaffen? Nichts natürlich, genauso wenig wie mit Frankensteins Monster oder dem Wolfsmenschen, und doch wird es der Titelheld in Stephen Sommers' »Van Helsing« mit allen zu tun bekommen – ganz zu schweigen von seinem Erzfeind Dracula.

Nachdem Hugh Jackman als Van Helsing in Paris mit dem coolen Auftreten eines Gothic-Cowboys Mr. Hyde zur Strecke gebracht hat, geht es über geheimnisvolle Vatikan-Keller nach Transsylvanien. Da ist es im ausgehenden 19. Jahrhundert selbst tagsüber so dunkel, dass Draculas geflügelte Vampirbräute die Dorfbewohner jederzeit heimsuchen können. Immerhin aber begegnet der Vampirjäger im Ledermantel hier der furchtlosen Anna Valerious (Kate Beckinsale). Die hat nicht nur ebenbürtige kämpferische Fähigkeiten, sondern auch genauso lange Haare und denselben Gegner wie Van Helsing. Derart verbunden ziehen sie gegen Dracula zu Felde, der seinerseits ausschaut wie Bono von U2.

Die Jagd gestaltet sich schwierig, denn Dracula hat sich auf das Schloss des Dr. Frankenstein zurückgezogen. Von hier aus ist er erstens auf der Suche nach dem entkommenen Monster, will zweitens mit seinen Bräuten deren totgeborene Babys zum Leben erwecken und hetzt drittens Van Helsing und Anna den Wolfsmenschen auf den Hals. Eigentlich passt hier nichts zusammen. Genau das aber scheint der Film selbst ganz gut zu wissen. Das Crossover, zu dem Stephen Sommers wie schon bei seinen beiden »Mumien«-Produktionen auch das Drehbuch verfasst hat, kennt seine Bedingungen und verhält sich zu ihnen, indem es bewusst durchführt, was der »Liga ...« unterlaufen war: Der Film stellt sich der Geschichte seiner Figuren gerade dadurch, dass er ihren Verlust verordnet. Nicht zufällig leidet Sommers' Van Helsing ganz offiziell unter Amnesie. Nur als komplett geschichtslose Figur kann er in diesem Film angemessen, also mit Mini-Kreissäge, Maschinen-Armbrust und sarkastischen Sprüchen, funktionieren: als James Bond (oder Dr. Gadget, oder Indiana Jones) des Vatikan.

Dieser Held ist nicht Dr. Van Helsing und heißt mit Vornamen nicht einmal mehr Abraham, sondern Gabriel. Und so wie Van Helsing kaum noch zu erkennen ist – »mehr Van Halen als Van Helsing«, hat Hugh Jackman zu seiner Frisur bemerkt, so ist auch Dracula nicht mehr der von Leidenschaft getriebene, tragische Blutfürst. Er bekennt: »Ich fühle keine Liebe, keine Angst, kein Leid – ich bin hohl!« In diesem Sinne legt »Van Helsing« seine Blockbuster-Technik offen, um genau daraus fantastisches Kapital zu schlagen. An die Stelle der verlogenen Geschichtslosigkeit der »Liga ...« ist die offensive Suche nach eigenen Geschichten getreten – mögen die auch noch so albern sein. Hier kann und soll jederzeit alles passieren. Zum Beispiel, dass die wieder zum Leben erweckten Dracula-Babys als fliegende Dämonen zu Hunderten über ein Dorf herfallen, nur um im nächsten Augenblick – plitsch, platsch, plutsch – schleimig zu zerplatzen.

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