Kritik zu Tournée

© Farbfilm

In Cannes erhielt Mathieu Amalric 2010 für sein halbdokumentarisches Roadmovie den Regiepreis. Er selbst spielt einen glücklosen Impresario, der mit einer amerikanischen »New Burlesque«-Show durch Frankreich tourt

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Welch eine Freude, einen Film zu sehen, in dem sich Weibsbilder ab Größe 40 auf der Leinwand breitmachen – mit Figuren, die ungezähmt durch Fitnessexerzitien übers Korsett quellen dürfen. In stolzer Fleischlichkeit präsentieren sich in diesem Roadmovie die amerikanischen »New Burlesque«-Künstlerinnen Mimi Le Meaux, Kitten on the Keys, Julie Atlas Muz, Dirty Martini und Evie Lovell (mit Roky Roulette ist auch ein Mann dabei) als handfeste Provokation körperlichen Perfektionszwangs. Die Filmidee ist zwar von den Tourtagebüchern von Colette inspiriert, die einst mit frivolen Variéténummern Skandal erregte. Doch über den Umweg der anfangs lesbisch-subversiven »New Burlesque«-Bewegung, die mit High Heels, Federboas, tausendfüßlerdicken Wimpern und Nippeltroddeln die Fetische der Stripteasebranche umarmt, könnte sich ein neues Körperselbstbewusstsein anbahnen, das sich konträr zum jetzigen Barbie-Ideal verhält. Jedenfalls haben diese Wuchtbrummen wenig gemein mit den nostalgischen Shows von Dita von Teese oder der Burlesque-Filmgymnastik von Cher und Christina Aguilera.

Weil das Begaffen der schillernden Fünferbande dennoch nicht abendfüllend ist, hat Mathieu Amalric um sie herum eine Handlung improvisiert. Amalric, als Patient in Schmetterling und Taucherglocke bekanntgeworden, spielt den wieseligen französischen Impresario Joachim Zand, der mit seiner Burlesque-Truppe in Frankreich auftritt, das Tourziel Paris jedoch nicht erreicht.

Wenn die echten Tänzerinnen bei ihrer Tournee vor echtem Publikum auftreten, vermischen sich im Gemenschel zwischen Aufgekratztheit und Melancholie zwar stimmungsvoll Realität und Fiktion. Schwerlich erschließt sich aber, was Amalric jenseits der halbdokumentarischen Streiflichter auf fahrende Künstler ausdrücken will. Zands Stippvisite in Paris, wo er einen Auftritt organisieren will, deutet eine verkorkste Vergangenheit an. Bruder und Kollegen sind auf den einstigen TVProduzenten äußerst schlecht zu sprechen. Auch seine beiden Söhne, die seine kranke Exfrau ein paar Tage in seine Obhut geben muss, nehmen den kettenrauchenden Bruchpiloten nicht mehr ernst.

In einem Schlüsselmoment erotischer Mütterlichkeit kümmern sich schließlich die Tänzerinnen um die Kinder. Auch der Drifter Zand, der mit fürsorglicher Zuhälterpose unter seinen »Mädels« Geldscheine verteilt, wird in Wahrheit von ihnen bemuttert. »Unser kleiner Froschkönig«, titulieren ihn die fünf, die neben Amalric, der so groß ist wie Sarkozy, wie fellinesk- verschlingende Alptraumfrauen wirken. Wie die Objekte dieser Angstlust ticken, interessiert Amalric allerdings nicht wirklich. So merkt man erst allmählich, dass sich in dem Treiben eine weitere Geschichte, die von Amerikanerinnen in Frankreich, versteckt. Und zu deren Verständnis hätte eine Untertitelung des zweisprachigen Kauderwelschs mehr beigetragen als das monotone Eindeutschen. Doch wenn die »Mädels« auch jenseits der Bühne wie Glühwürmchen den tristen Touralltag erleuchten, strahlen sie eine Vitalität aus, die statt an Fellinis Monster an Niki de Saint Phalles Nanas erinnert.

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