Kritik zu Tore tanzt

© Rapid Eye Movies

Katrin Gebbes Debütfilm, der einzige rein deutsche Beitrag im offiziellen ­Programm von Cannes in diesem Jahr, ist eine mutige und radikale Studie über das ­Zusammenspiel von Gut und Böse, Passivität und Aggression

Bewertung: 4
Leserbewertung
2.5
2.5 (Stimmen: 4)
Tore könnte eine lächerliche Figur sein, Tore tanzt zumindest zu Beginn eine Satire. Der junge Mann ist ein reiner Tor, ganz hingegeben an seinen Glauben, den er in einer kleinen Kommune Gleichgesinnter auslebt: der skurrilen Subkultur der Jesus-Freaks, für die Punk, Pogo und fromme Sprüche zusammengehören. Vielleicht ist Tores Glaube nur die Flucht eines höchst Verwundbaren, allzu Naiven vor dem Leben. Schmächtig und blass, ist Tore kein Kind mehr, doch noch lange kein Mann. Vor Sex scheut er zurück, weil ihm die Liebe zu Jesus über alles geht, und er trinkt keinen Alkohol, weil er sich lieber »mit dem Heiligen Geist abfüllt«. Gelegentliche epileptische Anfälle sind für ihn Zeichen seines Auserwähltseins – ja vielleicht hält sich dieser Nachkomme von Dostojewskis »Idiot« Fürst Myschkin sogar für einen neuen Messias. 
 
 
Wer derart beseelt ist, versucht schon mal, ein streikendes Auto mit Handauflegen und Beten zu heilen. Eine solche – erfolgreiche! – Behandlung bringt ihn mit Benno und seiner Familie zusammen. Man schließt Freundschaft; Tore zieht in deren Garten. Dann aber verwandelt sich dieser Familienanschluss Schritt für Schritt in ein Martyrium. Benno verhält sich immer sadistischer gegenüber dem immer sanften Tore. Der wird zum Haussklaven und Prügelknaben, zum Katalysator für alles, was in Bennos Familie schiefläuft. 
 
Eine wahre Begebenheit hat Katrin Gebbe zu ihrem Debütfilm inspiriert, den sie mit handlichem Budget von unter 500 000 Euro gedreht hat. Auf zahlreichen internationalen Festivals rief er bereits heftige Reaktionen hervor – begeisterte wie ablehnende. Das verwundert nicht, denn Tore tanzt ist eine verstörende Erfahrung, ein Film von ungewöhnlicher Radikalität, inhaltlich wie ästhetisch. 
 
 
Mit meist unruhiger Handkamera und einem elektronischen Score erzeugt der Film eine Atmosphäre fiebriger Beklemmung. Die Einteilung in die drei Kapitel »Glaube«, »Liebe« und »Hoffnung« wirkt zwar etwas aufgesetzt, doch die Schauspieler entwickeln die grausige Dynamik von Aggression, Erdulden und gesteigerter Aggression vollkommen organisch aus ihren Figuren. Besonders Julius Feldmeier als Tore und Sascha Geršak (Fünf Jahre Leben) als Benno lassen in ihrem Zusammenspiel das Unfassbare erschreckend folgerichtig erscheinen. Deshalb ist die körperliche Gewalt in diesem Film, so drastisch sie in Szene gesetzt ist, weit weniger schwer zu ertragen als ihre seelische Dimension. 
 
Woher diese Grausamkeit? Und warum läuft Tore nicht einfach fort? Ist sein Verharren nur Zeichen von Schwäche oder eben doch von innerer Stärke? Belegt er Nietzsches These von der Sklavenmoral im Christentum? Man könnte mit Tore tanzt leicht fertigwerden, präsentierte er Antworten. Gut und Böse, Liebe und Hass, Normalität und Krankheit aber bleiben vieldeutig. Provozierender noch ist die Beharrlichkeit, mit der die Inszenierung Tores Leid in unseren Blick zwingt. Zwischen künstlerischer Konsequenz und Exzess mag da ein schmaler Grat liegen, doch es ist diese Radikalität, die die Fragen des Films so ­eindringlich macht. Es war übrigens auch Nietzsche, der schrieb: »Frei ist, wer in Ketten tanzen kann«.

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