Kritik zu Tomorrow Is Always Too Long

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Eine Liebeserklärung an Glasgow als cineastisches Experiment: Der Künstler Phil Collins mischt in seinem filmischen Essay Fakten und Fiktionen

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Das vielleicht Wichtigste zuerst: Phil Collins ist nicht der gleichnamige ehemalige Genesis-Musiker – in Zeiten, da sich unzählige Schauspieler auch als Romanschreiber beweisen wollen, muss man ja froh sein, dass sich nicht jeder zum Multitalent berufen fühlt. Der Regisseur von »Tomorrow Is Always Too Long« ist ein bildender Künstler, der aus Glasgow stammt, in Berlin lebt und in Köln unterrichtet. Sein Film wurde von der Stadt Glasgow als Teil der Commonwealth-Feiern 2014 in Auftrag gegeben und kommt hierzulande nach mehreren Vorführungen im Rahmen von Kunstveranstaltungen jetzt regulär ins Kino.

Angekündigt als »Love letter to Glasgow«, konkurriert er in dieser Hinsicht mit Stuart Murdochs »God Help the Girl« (2014). Wo der allerdings eine Liebesgeschichte zwischen Musikern mit Tanz- und Gesangsnummern als runde Fiktion inszenierte, setzt Collins auf das Nebeneinander disparater Elemente, auf die Verbindung von Fakt und Fiction. Fakt, das sind kleine Alltagsgeschichten. Wie die von einem jungen Paar, das sich auf die bevorstehende Geburt seines Kindes vorbereitet und dann mit dem Neugeborenen zu sehen ist. Fiction, das ist eine Wahrsagerin auf einem Infomercial- & Home-Shopping-Fernsehkanal, die einmal in einen mehrminütigen Monolog über das bevorstehende Ende der Welt verfällt. Wüsste man nicht, dass sie von Kate Dickie verkörpert wird, der Hauptdarstellerin aus Andrea Arnolds »Red Road«, dann könnte man dies durchaus für dokumentarisch halten. Wie überhaupt bei anderen Figuren aus diesem Kanal durchaus offenbleibt, ob sie real sind, etwa die Aerobic-Vorturnerin oder die drei stark geschminkten Quizteilnehmer, die zwar die Frage nach vier Mobilfunkanbietern ohne weiteres beantworten können, aber bei allen Fragen nach weltgeschichtlichen Ereignissen passen müssen. Um eindeutig dokumentarisches Fremdmaterial handelt es sich dagegen bei den knappen Schwarz-Weiß-Aufnahmen von einer Friedensdemonstration der frühen 60er Jahre.

Ein weiteres Element sind von Matthew Robins gestaltete scherenschnittartige Animationssequenzen, überwiegend in Schwarz und Weiß gehalten, in denen Figuren sich durch die Nacht treiben lassen, vom Biertrinken auf einer Parkbank über ekstatische Tänze und Drogenkonsum in einer Disco bis hin zu schnellem Sex – was der Film in durchaus drastische Bilder umsetzt, die allerdings durch die Scherenschnitttechnik poetisch gebrochen werden. Auch hier kippt es immer wieder ins Surreale, schließlich sitzen auch schon mal zwei Tiere an der Theke.

Nicht zuletzt sind da fünf Songs aus der Feder der schottischen Musikerin Cate Le Bon, gesungen in Alltagssituationen von ganz normalen Leuten. Wobei ein Song, den ein junger Mann intoniert, der gerade in einer Gefängniszelle sitzt, durch diese Situation den Zuschauer schon wieder in die Fantasiewelt des Musicals versetzt. Begleitet von der satten Instrumentierung durch das Royal Scottish National Orchestra, verbreiten diese Songs einen definitiven Optimismus, der den Gesamteindruck dieses poetischen Films prägt.

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