Kritik zu Tod meiner Jugend
Mit einer komplexen Rückblendenstruktur beschreibt Regisseur und Schauspieler Timo Jacobs den Leidensweg von Kai Peter, der von sexuellem Missbrauch und Gewalt geprägt ist.
Eine dreiköpfige Familie steht vor einem renovierungsbedürftigen alten Haus in der Provinz. »Darf ich mir tatsächlich ein Zimmer aussuchen?«, fragt der Sohn. »Natürlich«, sagt der Vater, »und Mama auch. Ganz weit weg von mir.« Mit diesen Worten beginnt der zweifelhafte Schritt in ein neues Leben, das für Kai Peter eben auch das alte ist. Denn die kleine Familie zieht in das Haus seiner Großeltern, dorthin, wo er als kleiner Junge für kurze Zeit glücklich war. Dann flieht die alleinerziehende Mutter mit ihm vor den ewigen Streitigkeiten, und das Martyrium beginnt.
Vom eigenen Leben überfordert, misshandelt sie ihren Sohn und vermietet ihn schließlich als Sex-Toy an befreundete Männer. In der Schule wird Kai von Mitschülern als Assi beschimpft und immer wieder verprügelt. Und als er sich schließlich ans Jugendamt wendet und in einem Kinderheim aufgenommen wird, geht die Qual dort gerade so weiter. Mitschüler verprügeln ihn bei merkwürdigen Initiationsritualen, und der Heimleiter mag kleine Jungen ebenso wie später der ältere Geselle in der Schreinerwerkstatt, in der er zu arbeiten beginnt. Eine erlittene Gewalttat, so scheint es, ermöglicht jeweils weitere.
Als der erwachsene Kai in die Stadt seiner Kindheit zurückkehrt und mit seiner Vergangenheit konfrontiert wird, beginnt auch eine Aufarbeitung. Hatte er sich der körperlichen Gewalt erst mal durch Kampfsport entzogen, so wird er jetzt Stand-up-Comedian, um auch der psychischen Ebene seiner Jugend, der er bislang immer nur den Tod gewünscht hatte, Herr zu werden.
Mit seinem neuen Film hat sich der Schauspieler und Regisseur Timo Jacobs sehr viel vorgenommen. Neben der Hauptrolle als erwachsener Kai Peter führte er Regie, schrieb am Drehbuch mit und war als Co-Produzent tätig. Vielleicht fehlt ihm auch deshalb die Leichtigkeit eines Klaus Lemke, an dessen direkten, rauen Stil sonst einiges erinnert. Klaus Lemke hatte ihn vor mehr als zwei Jahrzehnten entdeckt und für Filme wie »3 Minuten Heroes« oder »Träum weiter, Julia!« als Hauptdarsteller verpflichtet. Und so ist es auch die schauspielerische Leistung, die in diesem Film hervorsticht.
Doch der Inszenierung hilft das nur wenig. Denn eine bedeutsame Geschichte macht noch keinen guten Film. Auf der Suche nach Authentizität – als Sohn hat er sogar den wirklichen Sohn von Kai Peter besetzt – mit dem Ziel, die schreckliche Wirklichkeit einer erschütternden Kindheit glaubhaft zu inszenieren, verliert sich Timo Jacobs in einzelnen Bildern ohne drängenden Zusammenhang. Hölzerne Dialoge biegen sich unter der Last ihrer Bedeutung, und die Gewalt wird zwar gezeigt, aber nicht in die Geschichte eingebettet. Man muss eine Geschichte erzählen, um sie zu beherrschen. Das will dieser Film uns sagen, doch die aus diesem Wunsch resultierenden Comedy-Versuche der Filmfigur Kai Peter, die als Einzige ihren wirklichen Namen trägt, bleiben ebenso hilflos wie die gesamte Dramaturgie. Jacobs hat sich für einen indirekten Weg entschieden und dafür leider keine ergreifende Geschichte gefunden.




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