Kritik zu Toast

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Eine Geschichte über Essbares: S.J. Clarkson hat die Erinnerungen des britischen Kochs Nigel Slater an sein Aufwachsen mit den Toast-und-Butter-Gerichten in der englischen Provinz der späten 60er Jahre verfilmt

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Für den neunjährigen Nigel Slater ist nichts auf der Welt berauschender als die Verhei- ßungen eines Kochbuchs. Wenn er abends in seinem Bett unter der Decke im Licht einer Taschenlampe die Seiten eines Kochbuchs umschlägt, die Illustrationen verschlingt und die Rezepte verinnerlicht, dann kann er alles um sich herum vergessen, den strengen und lieblosen Vater genauso wie die Krankheit seiner Mutter, die Dosenmahlzeiten, die den gesamten Speiseplan der Familie Slater ausmachen, genauso wie den Stillstand und den kleinbürgerlichen Mief der englischen Midlands in den späten 60ern.

»Spaghetti Bolognese« – schon der Klang dieser Worte entreißt Nigel der Tristesse seiner Heimat Wolverhampton und entführt ihn in ein verlockendes Reich niemals endender lukullischer Sensationen. Also nimmt er eines Tages seinen ganzen Mut zusammen und überredet seine Mutter, eine Dose Sauce Bolognese und Nudeln zu kaufen. Doch statt einer Offenbarung erwartet ihn nur eine weitere Enttäuschung. Schon beim Kochen der Spaghetti hängt der Haussegen schief. Als das kulinarische Wagnis dann endlich auf dem Tisch steht, nimmt die Mutter nicht einmal einen Bissen, und der Vater spricht sofort ein vernichtendes Urteil über das exotische Gericht. Es bleibt also alles beim Alten. Am Ende gibt es wieder Toast mit Butter wie an so vielen anderen Abenden auch.

Die Kindheit und Jugend des englischen Kochs und Autors Nigel Slater waren eine Zeit der Enttäuschungen, der Trauer und des Verlusts. Daran lässt auch Toast, S.J. Clarksons Verfilmung seiner Autobiografie »Halbe Portion. Wie ich meine Leidenschaft für das Kochen entdeckte«, nicht den geringsten Zweifel. Selbst Jahre nach dem Tod seiner Mutter kann sich der nun von Freddie Highmore gespielte Nigel nicht mit seiner Stiefmutter (Helena Bonham Carter) arrangieren. Also führt er einen psychologischen Kleinkrieg gegen die brillante Köchin, der das gelungen ist, was er nie geschafft hat: Sie hat mit ihrer Küche das Herz des Vaters erobert und es aber auch im gleichen Zug – er wird im Lauf der Jahre immer übergewichtiger – zerstört.

Diesen ewigen Kampf, in dem der homosexuelle Teenager auf die denkbar schmerzlichste Weise nach einer eigenen Identität sucht, setzt die englische Filmemacherin S.J. Clarkson mit einer geradezu verstörenden Ehrlichkeit in Szene. Sie erlaubt sich selbst nicht den geringsten Anflug von falscher Sentimentalität. Die Gemeinheiten und Niedrigkeiten, mit denen sich Freddie Highmore und Helena Bonham Carter in dieser obsessiven Beziehung gegenseitig traktieren, können einen als Betrachter zeitweise verzweifeln lassen. Aber trotzdem verfällt »Toast« nie in Zynismus oder Boshaftigkeit. S.J. Clarksons Blick ist einfach nur offen für alle Facetten menschlicher Regungen und Handlungsweisen. Nigels Selbstfindung erweist sich als ein brutaler und ziemlich zerstörerischer Prozess, aber sie hat auch etwas Befreiendes. Das eine lässt sich eben nicht vom anderen trennen. Darin liegt nun einmal die alltägliche Tragik des Erwachsenwerdens, von der allerdings viel zu wenige Filme derart ungeschminkt erzählen.

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