Kritik zu Tabu – Eine Geschichte von Liebe und Schuld

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Eine hinreißend exzentrische Zeitreise vom Lissabon der Gegenwart zum Ende der portugiesischen Kolonialherrschaft in Afrika: nicht von ungefähr wird in Miguel Gomes' Film einmal ein Krokodil auf den namen Dandy getauft

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Das klassische Erzählkino vertraut uns der Gewissheit an, dass Handlungsstränge fortgeführt werden und einmal etablierte Figuren nicht verschwinden. Ist das Folgende nicht mit dem Vorangegangenen verbunden, fühlen wir uns mitunter betrogen: Als würde das bereits Gesehene dadurch entwertet, dass es keine Fortsetzung erfährt. Der Film des Portugiesen Miguel Gomes wirft aus diesem Blickwinkel viele Fragen auf, von denen die drängendste lautet: Wo ist Pilar geblieben?

Im ersten Teil des Films lernt man die gepflegte, anmutige Dame Ende fünfzig als einen Menschen von großmütiger karitativer Gesinnung kennen. Sie ist eine gute Katholikin, die sich aufopfernd um ihre Nächsten kümmert. Auf das zaghafte Liebeswerben eines alten Freundes allerdings mag sie nicht eingehen; wohl nicht nur, weil er ein ziemlich talentloser Maler ist. Stattdessen sorgt sie sich um ihre greise Nachbarin Aurora, die immer verwirrter wird und ihr Geld gern im Spielkasino verjubelt. Als es mit der alten Dame zu Ende zu gehen droht, will sie ihr einen letzten Wunsch erfüllen: noch einmal einen gewissen Gian Luca zu sehen, der in ihrem Leben einst eine wohl wichtige Rolle spielte. Tatsächlich spürt Pilar ihn in einem Altersheim auf. Voller Wehmut berichtet er, wie er sich vor vielen Jahren in die verheiratete Plantagenbesitzerin verliebte. In seinem zweiten Teil vollzieht der Film nun eine Rückblende in eine weiße Enklave im Mozambique der ausgehenden Kolonialzeit, aus der er nicht mehr in die erzählerische Gegenwart zurückkehren wird.

Miguel Gomes baut zauberhafte Hürden vor den tradierten Seherwartungen auf. Der Zuschauer muss liebgewonnene Hoffnungen fahren lassen und darf ungekannte, neue hin­ zugewinnen. Tabu ist in Schwarz­-Weiß und im alten Normalformat gedreht, seinen zweiten Teil könnte man beinahe für einen Stummfilm halten. Diese kühne Reduktion der erzählerischen Möglichkeiten schürt die Aufmerksamkeit. Gomes' Stilprinzip ist die Exzentrik. Ein liebeskranker Afrikaforscher taucht im Prolog auf, der von einem fortan untröstlichen Krokodil verschlungen wird. Eine weiß gekleidete Kapelle spielt regelmäßig Phil­-Spector-­Songs. Eine Szene ist aus der Perspektive eines gerade Erschossenen in schräger Untersicht gefilmt. All dies gewinnt große Selbstverständlichkeit, genauso wie der Off­-Kommentar, der mit der altertümelnden Gewissenhaftigkeit eines verblichenen Abenteuerromans verfasst ist. Nicht immer unter­ hält er eine eindeutige Beziehung zu den Bildern, die man sieht. Gomes erzählt mit einer wunderbaren Freizügigkeit, die auch die selbst aufgestellten Regeln listig überschreitet. So ist der zweite Teil gar nicht stumm, sondern höchst geräuschvoll; nur den Weißen steht das Wort nicht zu Gebot. Tabu ist so launisch wie das menschliche Herz, von dem es heißt, es sei der aufmüpfigste Muskel.

Und wo bleibt bei all dem Pilar? Sie ist als unsichtbare Zuhörerin gegenwärtig – sofern Gian Lucas Erzählungen nicht ohnehin ihrer eigenen Fantasie entsprungen sind. Eingangs haben wir sie als eine Kinogängerin erlebt, die traurige Filme über das Fortdauern der Liebe nach Tod und Verlust mag. Sie repräsentiert also auch uns, die Zuschauer. Gomes hat sie nicht aus den Augen verloren.

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