Kritik zu Stonewall

© Warner Bros. Pictures

Roland Emmerich setzt sein bewährtes Blockbusterkino-Können ein, um von einem Meilenstein des schwulen Gleichberechtigungskampfes zu erzählen

Bewertung: 2
Leserbewertung
3
3 (Stimmen: 1)

Die Sache eskalierte schnell. Gerade mal ein Jahr ist es her, dass die Neugier, wenn nicht gar Vorfreude groß war darüber, dass Roland Emmerich – immerhin einer der bekanntesten offen schwulen Regisseure der Welt – sich erstmals einer queeren Geschichte annimmt und gleichzeitig den ersten großen Spielfilm über die Stonewall-Unruhen des Sommers 1969 auf die Leinwand bringt. Doch dann brach nach der Veröffentlichung des ersten Trailers diesen Sommer ein Online-Shitstorm los, in dem dem Film – ungesehen – Geschichtsverfälschung und Whitewashing vorgeworfen wurden. Auf die Weltpremiere in Toronto folgten reichlich Häme seitens der Presse und schließlich der desaströse Start in den US-Kinos, wo »Stonewall« am ersten Wochenende keine 150 000 Dollar einspielte. Exemplarischer kann eine zum Selbstläufer werdende Überreaktion kaum verlaufen.

Damit kein Missverständnis aufkommt: Ein wirklich guter Film ist »Stonewall« in der Tat nicht. Emmerich schickt den jungen weißen Provinzbuben Danny (Jeremy Irvine) im schicksalhaften Juni 1969 nach New York. Dort findet der aufgrund seiner Homosexualität frisch zu Hause rausgeflogene Teenager in der Christopher Street inmitten von Straßenkids und Strichern bald eine Ersatzfamilie und verliebt sich in einen Aktivisten (Jonathan Rhys Meyers). Schließlich gerät er im »Stonewall Inn« in die ausbrechenden Krawalle. Das ist mehr harmlose Coming-of-Age-Geschichte als tatsächlich politisches Kino, allzu glatt erzählt und obendrein seltsam künstlich.

So weit, so durchwachsen. Trotzdem bleibt festzustellen: Jenseits des fiktiven Protagonisten ist es auch bei Emmerich eine widerständige Lesbe, die letztlich den Aufstand auslöst. Platz für afroamerikanische und transsexuelle Figuren findet sich durchaus. Und der hispanischstämmige Jonny Beauchamp als Ray ist gar der heimliche Star des Films. Auch die Vielfalt homosexueller Lebensentwürfe und Standpunkte, die sich in »Stonewall« entdecken lassen, ist für einen Mainstream­film erstaunlich.

Überhaupt ist es genau das, was den Film zum mindestens bemerkenswerten Unterfangen macht: Er belegt indirekt, wie weit dezidiert schwule Geschichten inzwischen in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind und deswegen auch nach den entsprechenden, überraschungsfreien Mechanismen umgesetzt werden können. Denn Emmerich erzählt »Stonewall« nicht anders, als er es bei »Independence Day« oder »The Day After Tomorrow« getan hat, schlichte Dialoge inklusive. Nur dass der in Sonnenlicht getauchte gequälte Held, der über sich selbst hinauswächst, eben nicht gegen Aliens oder Naturgewalten, sondern gegen Homophobie und Polizeigewalt kämpft. Dass das nicht jedermanns Geschmack ist, versteht sich von selbst. Aber statt als Enttäuschung kann man es vielleicht auch als Fortschritt sehen, dass es nicht mehr nur den Heteros vorbehalten ist, maue Filme über ihre historischen Meilensteine zu drehen.

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