Kritik zu Stilles Chaos

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Antonio Luigi Grimaldi hat einen Roman des italienischen Erfolgsautors Sandro Veronesi verfilmt – Nanni Moretti spielt darin einen Witwer, der auf ganz eigene Weise über den Tod seiner Frau hinwegzukommen versucht

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An einem Strand in Italien retten die Brüder Pietro und Carlo zwei Frauen vor dem Ertrinken. Doch als Helden werden die beiden dafür nicht gefeiert, vielmehr werden sie von den anderen Strandbesuchern, die ganz auf die Opfer fixiert sind, völlig ignoriert. Grausame Ironie des Schicksals: als Pietro (Nanni Moretti) in sein Ferienhaus zurückkehrt, steht ein Notarztwagen davor – seine Frau ist gestorben, völlig überraschend.

Das alles spielt sich innerhalb der ersten Minuten von »Stilles Chaos« ab. In wenigen Augenblicken ist damit der Grundton des Films etabliert, der nicht auf melodramatische Gesten aus ist, sondern der kühlen Lakonie des Schicksals nachforscht und den beiläufigen Momenten, die unser Leben formen.

Der Film widmet sich dabei ganz dem Akt der Trauer selbst. Pietro nämlich findet dafür eine ganz eigene Form: Statt ins Büro zu gehen, nachdem er seine 10-jährige Tochter zur Schule gebracht hat, verbringt er die Tage wartend im Park vor dem Schulgebäude. Das Verblüffende: Je mehr Pietro sich aus seinem bisherigen Alltagsleben zurückzieht, desto mehr stellt dieses Leben sich auf ihn ein. Die Grünanlage vor der Schule wird sein Wohnzimmer, eine Parkbank unter Bäumen sein Büroraum. Kollegen und Freunde statten dem öffentlichen Einsiedler Besuche ab, suchen Rat und Hilfe. Zugleich entwickelt Pietro im Lauf der Monate aus der Distanz heraus seltsam vertraute, wenngleich wortlose Beziehungen zu den Menschen, die täglich den Park durchqueren: zu der jungen Frau, die ihren Hund spazieren führt, oder zu einer Mutter und ihrem behinderten Sohn. In Gedanken erstellt er Listen über Dinge, die er erlebt oder getan hat: vermeintlich Banales, das er gerade deshalb als essenziellen Teil des Lebens erkennt.

In dieser Poetisierung des Alltäglichen erinnert der Film an Wayne Wangs »Smoke«, in dem der von Harvey Keitel gespielte Tabakhändler versucht, Ordnung in das stille Chaos des Alltags zu bringen, indem er Tag für Tag dieselbe Straßenecke fotografiert. Überhaupt treiben Regisseur Grimaldi und sein Hauptdarsteller Moretti ein hintersinniges Spiel zwischen Kunst und Wirklichkeit – so hat Moretti eine ganz ähnliche Rolle bereits in seinem preisgekrönten »Zimmer meines Sohnes« gespielt, und wenn gegen Ende Roman Polanski auftaucht und Verständnis für Pietros eigenwillige Trauerarbeit zeigt, schwingt darin natürlich auch seine eigene, tragische Ehegeschichte mit.

Trotz solcher Finessen setzt Grimaldi sich freilich der Gefahr einer gewissen Monotonie aus, indem er sich ganz auf seinen introvertierten Protagonisten und weitgehend einen Spielort konzentriert. So ist es denn auch der außerordentlichen Präsenz Morettis und einer klug dosierten Ironie zu verdanken, dass die Geschichte immer wieder die Kurve bekommt, nachdem man die Idee der Erzählung vom Schicksalsschlag als Möglichkeit des Perspektivwechsels begriffen hat und Pietros Verhalten in verkünstelte Ödnis zu kippen droht. Mit Pietros sanfter Erlösung aus seinem seelischen Chaos findet auch die Erzählung ein Ende. Die Stille des Films hallt indes noch lange nach.

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