Kritik zu Somewhere

© Tobis

2010
Original-Titel: 
Somewhere
Filmstart in Deutschland: 
11.11.2010
L: 
98 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Mit ihrem lakonischen Vater-Tochter-Drama dringt Sofia Coppola weiter in die Riten der Celebrity-Kultur vor und findet zurück zum verhalten-launigen Komödienton ihres Kulthits Lost In Translation

Bewertung: 4
Leserbewertung
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1 (Stimmen: 1)

Die Probleme möchte ich haben! Das wäre so die klassische Reaktion auf einen wie Johnny Marco (Stephen Dorff), einen erfolgreichen Hollywood-Schauspieler, der täglich kaum größere Sorgen hat als zu entscheiden, um welche Uhrzeit er das erste Glas Alkohol trinken und mit welcher der Frauen, die sich ihm ständig an den Hals werfen, er heute schlafen soll. Doch wie warnt das englische Sprichwort so schön: »Be careful what you wish for!« Gemeint ist: Es könnte nämlich in Erfüllung gehen. Und dann könnte sich herausstellen, dass ein Leben wie das von Johnny Marco nicht nur größtenteils langweilig, sondern recht eigentlich schwer auszuhalten ist. Wobei der Reiz von Sofia Coppolas Film darin besteht, dass sie eine feine Balance zu wahren weiß: Zwar führt sie die unerträgliche Leichtigkeit dieses Schauspielerlebens vor Augen, aber sie geht nie so weit, aus Johnny Marco eine tragische Figur zu machen. Die Regisseurin und mit ihr der Held ihrer Geschichte sind sich des Neids der Zuschauer auf diese von Wohlstand und Bequemlichkeit gekennzeichnete Existenz wohl bewusst.

Mit seinen vielen Hotelszenen – Marco bewohnt eine Suite im Promihotel Chateau Marmont in Los Angeles – erscheint Somewhere in vielem wie eine Fortsetzung zu Coppolas Lost in Translation. Schon im Titel schließen die beiden Werke aneinander an: Auch Somewhere handelt von einer Verlorenheit, diesmal nicht in der Fremde, sondern eben in jenem »Irgendwo«, das Hotels in ihrer stereotypen Pseudogemütlichkeit so universell repräsentieren. Die Unbestimmtheit dieses »Irgendwo« wird verstärkt durch die Tatsache, dass jemand wie Johnny Marco kaum noch etwas selbst erledigen muss, der Großteil seines Lebens liegt in den kompetenten Händen dienstbarer Gestalten, die er in Pseudovertrautheit beim Vornamen nennt, ohne sie eigentlich zu kennen. So macht Bequemlichkeit asozial.

Mit Lakonie und einem feinen Blick für bezeichnende Details zeigt Coppola einerseits den an Verpflichtungen nicht eben reichen Alltag eines erfolgreichen Hollywood-Stars – hier ein Fototermin, dort eine Pressereise nach Mailand –, und stellt andererseits fast schmerzlich prägnant die geradezu erschreckende Leere dieses Lebens heraus. An die Stelle sozialer Eingebundenheit tritt eine endlose Reihe bedeutungsloser Begegnungen.

Die einzige Unterbrechung aus diesem »Irgendwo«-Zustand erlebt Marco, wenn seine 11-jährige Tochter Cleo (Elle Fanning) zu Besuch kommt. Obwohl sie im Grunde gar nichts Besonderes zusammen machen, erhält sein Leben dann auf einmal Struktur. Wunderbar zurückhaltend inszeniert Coppola, wie etwa die Normalität eines selbst gekochten Abendessens zu einem kleinen Fest wird. Nicht zuletzt dank dem allürenfreien Spiel von Elle Fanning wird an solch kleinen Details auf berührende Weise klar, wie sehr erst eine menschliche Beziehung dem Alltag Geschmack verleiht, ihn aufhellt, intensiviert und relevant macht. Solche Beziehungen müssen gepflegt werden; sie sind keine Selbstverständlichkeit. Als die Tochter zum Sommerlager aufbricht, steht Johnny wieder im »Irgendwo«.

Zum Teil kopiert Coppola in Somewhere fast in ganzen Szenen den leisen Witz und die Melancholie aus Lost In Translation, doch verlässt sie sich diesmal weniger auf die visuellen Gags und stellt mehr die innere Bewegung ihrer Figuren in den Vordergrund. Es gibt wunderbar parodistische Details, etwa wenn Johnny beim Fototermin mit einem weiblichen Ko-Star während des Shootings von ihr in wenigen, hinter aufgesetztem Lächeln hervorgestoßenen Sätzen abgekanzelt wird. Die ganze Zeit über sieht man nur ihre dem Fotografen zugewandten Gesichter, erst als das weibliche Pendant abgedampft ist und die fleißigen Helfer ihr zwangsoptimistisches »That was awesome!« angebracht haben, sieht man Johnny in der Totalen von einem kleinen Podest heruntertreten, das den Größenunterschied ausglich.

Man spürt in jeder Szene, wie gut sich die Autorin und Regisseurin in diesem Milieu auskennt. Aber statt zeitgeistig die Perversionen der Celebrity-Kultur anzuprangern, reflektiert Coppola die »Luxusprobleme« mit so viel Selbstironie und Humor, dass daraus eine Geschichte über das existenzielle und damit ganz universelle Problem menschlicher Entfremdung wird.

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