Kritik zu Solness

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Theaterregisseur Michael Klette setzt Henrik Ibsens Stück formal ambitioniert und mit einem starken Hauptdarsteller für die Leinwand um

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Eine leere Industriehalle mit hoher Decke und mächtigen Stahlträgern. Das Heim des Architekten, schmucklos-funktional und kühl. Wo einst Maschinen standen, schwitzt nun Harald Solness (Thomas Sarbacher) an einer martialisch anmutenden Fitnessapparatur. Der Mann ist nicht mehr der jüngste, will aber fit bleiben. Er muss mit den kreativen jungen Angestellten mithalten, die im Großraumbüro seiner Baufirma in Partylaune chillen.

Architektur und Jugend: Diese beiden Motive verknüpfte Henrik Ibsen 1892 in seinem Theaterstück »Baumeister Solness« zu einem Drama über Vergänglichkeit und Lebensgier. Michael Klette, ein renommierter Theaterregisseur, überträgt den selten verfilmten Stoff ins heutige Berlin. Thomas Sarbacher gibt den Architekten als arrivierten Baulöwen, der sich mit der Ausschreibung für eine Kirche noch einmal beweisen will. Dabei weiß er nur zu gut, dass ihm die Felle davonschwimmen. Seine häufiger werdenden Aussetzer haben mit jener Erkrankung zu tun, über die der befreundete Arzt (André M. Hennicke) ihn nur halbherzig aufklärt. Dass der Doktor nebenbei mit seiner Frau Aline (Doris Schretzmayer) ins Bett geht, stört Solness nicht wirklich. Seit dem Unfalltod ihrer beiden Kinder ist die Ehe ebenso am Ende wie die Schaffenskraft des Architekten. In seiner Not klaut er die Entwürfe eines jungen Angestellten. Es kommt zum Eklat.

Diese Chronik eines angekündigten Todes lässt den Zuschauer merkwürdig kalt. Solness' Leidenschaft für Architektur vermittelt sich nur in wenigen Momenten. Die Exzesse des Baumeisters, der sich im Stroboskoplicht der Disco und im Bett mit transsexuellen Prostituierten verausgabt, erinnern an einschlägige Darstellungen der Berliner Szene. Nicht überzeugend ausgeleuchtet ist leider auch die Beziehung des Architekten zur Schlüsselfigur der jungen Studentin Hilde, von Julia Schacht gespielt als verhuschtes Girlie mit dem Hang zu Kraftausdrücken: »Vaginal, oral, anal. Wir haben gefickt«. Das nennt man wohl eine zeitgemäße Textbearbeitung.

Bei Ibsen verkörpert diese Nymphe eine verhängnisvolle Herausforderung. Der Architekt hat ihr einst ein hybrides Versprechen gegeben. Er wolle für sie eine Art phallischen Turmbau zu Babel errichten. Diese sexuelle Symbolik überführt Michael Klette in ein wahnhaft anmutendes Vexierspiel. Sein Versuch, die dissoziativen Wahrnehmungen des Architekten mit hektischen Zeitsprüngen und blitzlichtartigen Rückblenden widerzuspiegeln, ist durchaus ambitioniert. Blaustichige Bilder mit geometrischen Motiven erzeugen Eiseskälte. Das Problem: Statt den seelischen Zerfall des Baumeisters symbolhaft zum Ausdruck zu bringen, wirkt der Film selbst über weite Strecken unruhig, nervös und kunstbeflissen. In Erinnerung bleibt das poetische Schlussbild, in dem Solness neben Hilde zu fliegen scheint.

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