Kritik zu Silence Radio

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Juliana Fanjuls dokumentarisches Porträt einer mexikanischen Journalistin ist eine Abrechnung mit einem Land im politischen und moralischen Ausverkauf

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»Cuídate! Pass auf dich auf!«, rufen die Menschen der zierlichen Frau hinterher, die nach einer starken Ansprache den Ort der Kundgebung verlässt. In Mexiko ist das keine leere Floskel, besonders, wenn man als Journalistin gegen Machtmissbrauch, Korruption und die Geschäfte der Drogenkartelle angeht. Carmen Aristegui tut dies seit Jahrzehnten mit Mut und Leidenschaft und ist so eine der bedeutendsten journalistischen Stimmen des Landes geworden. Dennoch wurde sie 2015 mit ihrer politischen Radiosendung vom halbstaatlichen Sender MVS gekündigt, nachdem sie auf ihrer Webseite AristeguiNoticias.com eine Recherche zu korrupten Geschäften um eine Luxusvilla des damaligen Präsidenten Enrique Peña Neta und den Eisenbahnauftrag an ein chinesisches Konsortium veröffentlicht hatte. Zusätzlich gab es juristische Schritte gegen die Journalistin.

Juliana Fanjul ist in Mexiko mit Aristeguis Berichten aufgewachsen. Und in Genf, wohin sie 2011 zum Filmstudium ging und dann aus politischen Gründen blieb, waren die täglichen Sendungen ein Draht zur Heimat. So waren Schock und Verlustgefühl auch bei ihr groß, als die wichtige Stimme 2015 zum Schweigen gebracht wurde. Diese Gefühle bildeten die Anfangsimpulse für diesen Film, der Fanjul wieder nach Mexiko brachte, wo sie sich nach und nach Aristeguis Vertrauen für das gemeinsame Projekt erwarb.

Die Filmemacherin führt selbst mit fast kindlicher Stimme und klaren Positionen durch den Film, der mit dem oben angesprochenen Auftritt Aristeguis bei Protesten gegen die Ermordung des Journalisten Javier Valdez beginnt und mit dem Wahlsieg von López Obrador 2018 und einem juristischen Teilerfolg für Aristegui endet. Die wurde nach ihrem Rauswurf erst recht zur Kämpferin (Optimismus sei moralische Pflicht, sagt sie) und zieht vor die Interamerikanische Menschenrechtskommission in Washington, um eine internationale Untersuchung zu fordern. Vor allem aber arbeitet sie mit einigen Kolleginnen und Kollegen erfolgreich am Aufbau eines unabhängigen Internetsenders.

Strukturierende Elemente des Films sind oft panoramische Autofahrten durch die ausfasernde Stadtlandschaft von Mexiko-Stadt und Fanjuls Kommentar, der deutlich – und oft in poetischen Bildern – die verkommene Moral beklagt, die Korruption, Gewalt und mediale Desinformation im Land geschaffen haben. So wird »Silence Radio« über den persönlichen Kampf seiner Protagonistin heraus zu einer bitteren Abrechnung mit der Heimat der Regisseurin.  

Ein Hinweis zur Übersetzung muss sein, deren Eigenwilligkeiten irritieren. Beispiele? Wenn die Journalistin (in Bezug auf die als korrupt enttarnten Universitäten) die dort versammelte »inteligencia« beschwört, ist in den Untertiteln von »moralischer Integrität« die Rede. »Gobernantes« (Regierende) wird mit »Führer« übersetzt. Aus der fehlenden »zona di comfort« für Aristegui wird eine »Atempause«. Angesichts der Morddrohungen, die täglich bei ihr und ihrem Team eingehen, dürfte diese Differenzierung allerdings eine echte Petitesse sein.

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