Kritik zu Schoßgebete

© Constantin

Hilflos wortfixiert: Sönke Wortmann weiß in seiner Inszenierung des sicherlich redseligen Bestsellers von Charlotte Roche nicht, wie er Depressionen, Obsessionen, möglicherweise Perversionen in einigermaßen interessante Bilder fassen soll

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An dieser Frau wirkt alles aufgesetzt. Elizabeths (Lavinia Wilson) starre dunkle Perücke lässt keine Meeresbrise durch, der eintönige H&M-Charme ihrer Stiefel, Röcke und Blusen will nicht zu ihrem Stadtrandhaus passen, einem dieser weißen Quader, die nach Geldanlage aussehen. Arbeit scheint die Dreißigerin nicht zu kennen, zu beschäftigt ist sie mit ihren Obsessionen, vor allem mit dem Gerede darüber.

Charlotte Roche schildert in ihrem Bestseller »Schoßgebete« eine Frau, die Glück hat mit ihrem Partner Georg (Jürgen Vogel) und dem aufgeweckten Kind, das sie in freundlichem Patchwork-Arrangement mit dem Kindsvater Stefan (Robert Gwisdek) teilt. Auch die Abmachung mit Georg, die Beziehung durch gelegentliche Dreier im Edelbordell aufzufrischen, funktioniert, sofern Georg keine großbusige Prostituierte engagiert. Sex soll Elisabeths Trauma heilen. Trauer und Schuldgefühle verfolgen sie, seit ihre Familie in einen Autounfall verwickelt wurde, bei dem ihre Mutter schwer verletzt und drei Geschwister getötet wurden.

Sönke Wortmanns Film nach einem Drehbuch seines Produzenten Oliver Berben legt unfreiwillig die Baukasten-Schreibe offen, mit der die Autorin den Verkaufserfolg ihres Debüts »Feuchtgebiete« zu toppen suchte. Wieder kokettiert die Story mit der Fixierung auf Anal-Erotik, Hygiene-Wahn und tabuisierte Krankheiten. Der Film mixt ein Familienporträt mit bravem Fernsehpotential, garniert es mit Roches angestrengtem Plädoyer für die »Frau als Freier«, etwa in einer Phantasieszene, in der Elizabeth in einem Plüschbordell amüsiert eine Reihe männlicher Sexikonen abschreitet. Im Kern jedoch bildet »Schoßgebete« hilflos wortfixiert die manischen Höhen und depressiven Tiefen der verstörten Protagonistin ab.

Lavinia Wilson spricht aus dem Off, was durchs Gemüt der Protagonistin zuckt, wenn die Unfallgeschichte in Flashbacks und Phantasien wiederkehrt. Wild gestikulierend textet sie ihre Psychotherapeutin zu (Juliane Köhler, auch sie lieblos ausgestattet). Zu Hause verwickelt sie den phlegmatischen Georg in aggressive Streitereien und innigste Liebesschwüre.

Schoßgebete, dieser kaum verdeckte Selfie von Charlotte Roche, spielt auf die Prominenz der Protagonistin an, wenn ihr Entsetzen über die Katastrophe sich mit der Empörung über die »Bild«-Zeitung mischt, die das Unglück an die Öffentlichkeit zerrt. Aus der Kluft zwischen dem Anspruch auf Privatheit einerseits und Roches Strategie des maßlosen Ausbreitens intimster Details andererseits hätte der Film ein Thema filtern können. Aber Wortmann macht etwas Anderes. Wie um die Großfotos der »Bild«-Zeitung zu überbieten, inszeniert er den Unfall nach: als blutig feurigen Special Effect zu Moll-tönender Plingpong-Filmmusik. Schoßgebete ist ein Film ohne Haltung zum Erzählten, ein bebilderter Wortschwall, der seine Empathie für die Depression der Protagonistin heuchelt. 

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