Kritik zu Scham
Der schwule Künstler Aaron kehrt von Berlin in sein Heimatdorf zurück, um sich mit seiner Mutter auseinanderzusetzen und seine schwierige Kindheit zwischen Ausgrenzung und intergenerationalen Traumata aufzuarbeiten.
Gleich in den ersten Minuten wird klar, dass es uns Lukas Röder mit seinem Langfilmdebüt »Scham« alles andere als leichtmachen will. Aaron (Til Schindler) fährt mit der Bahn heim und fängt mit verpixelten Handybildern die ländliche Umgebung ein. Kurz darauf sitzt er bei Mutter Susanne (Heike Hanold-Lynch), die er länger nicht gesehen zu haben scheint, in der Küche. »Wir sind normal, darum hasst du deine Familie«, sagt Susanne; er wirft ihr nicht viel später vor, dass sie immer brutal gewesen sei. Und das ist nur der Anfang eines Seelenstriptease, den die beiden in dem knapp 90-minütigen Kammerspiel vollziehen.
Aaron ist in die Heimat zurückgekehrt, um sich den Traumata der Vergangenheit filmisch zu stellen. Er ist schwul, Künstler und aus dem Dorf nach Berlin geflohen, die Mutter will von ihrem Sohn nichts wissen und scheint allein in dem alten Haus zu leben. Desolater könnte, das manifestiert sich in dem beim Max Ophüls Preis mit dem Preis der Ökumenischen Jury ausgezeichneten Film schnell, eine Mutter-Kind-Beziehung kaum aussehen – ganz als hätte Röder die introspektive Version von »We Need to Talk About Kevin« im Sinn gehabt, in dem Lynne Ramsay mit subversiver Gewalt von der Entfremdung zwischen Mutter und Sohn erzählte.
Die scheinbar nicht zu überbrückende Kluft zwischen Mutter und Sohn spiegelt sich in der experimentellen Form wider. Große Teile des Films bestehen aus verpixelten Bildern des jeweiligen Gegenübers, aufgenommen in langen ungeschnittenen Einstellungen von den beiden Handys, mit denen Mutter und Sohn wie mit Waffen aufeinander zielen: ein teils verwackelter Split-Screen-Modus, in dem die beiden in ihrer eigenen engen, quadratischen Welt gefangen sind. Luft zum Atmen gewährt Röder dem Protagonisten und dem Publikum, wenn Aaron zwischendurch kurz durch den Wald oder über schneebedeckte Felder streunt.
Einmal mehr zeigt sich Röder als Regisseur für schwere Stoffe. Zuletzt erzählte er in seinem mittellangen Film »Langer Langer Kuss« emotional aufgeladen von einem Mann, der sich nicht mehr die Zähne putzen will, weil sich die Erinnerungen an den Ex-Freund quasi körperlich eingeschrieben haben. »Scham«, sein Abschlussfilm an der Hochschule für Film und Fernsehen in München, ist ein in jeder Hinsicht radikaler Film über einen Aufarbeitungsversuch. Die Themen sind breit: unerwiderte erste Liebe, Ausgrenzung wegen Homosexualität, eine heftig sexualisierte Kindheit, mangelnde Anerkennung mütterlicher Leistungen, intergenerational weitergegebene Traumata. Mit jedem verbalen Schlagabtausch legt der Film eine weitere, drastischere Schicht frei und gräbt sich tiefer hinein in beide Protagonisten. Das ist konsequent, nutzt sich in dem Steigerungsprinzip, dem Scham folgt, aber auch ein Stück weit ab.
Eindrücklich ist der von Til Schindlers und Heike Hanold-Lynchs schonungslos offenem Spiel getragene Film dennoch. Scham erzählt intermedial vielschichtig davon, dass auch die abgeschlossensten, emotional fragilsten eigenen Räume aufgebrochen werden können: durch Gespräche und Zuhören.





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