Kritik zu Ruhr

© Verleih

2009
Original-Titel: 
Ruhr
Filmstart in Deutschland: 
26.08.2010
L: 
120 Min
FSK: 
keine Beschränkung

James Benning erzählt in seinem jüngsten Werk weniger über die Region als über uns selbst und unsere Wahrnehmung: eine selten schöne Gelegenheit, uns selbst beim Zuschauen zuzuschauen

Bewertung: 4
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Ein bisschen unheimlich ist das heute schon. Denn die erste Einstellung von Bennings 2009 entstandener Auftragsarbeit über das Ruhrgebiet zeigt ausgerechnet einen Duisburger Autotunnel – grau-schwarze Wände, Fahrbahn- und Lichtmarkierungen dominieren das Bild, das selten von einem Auto durchkreuzt wird. Es ist nicht der Tunnel, dennoch ist die Assoziation heute selbstverständlich sofort da und suggeriert, der Filmemacher hätte den Toten der »Love Parade« intuitiv schon damals ein Denkmal gesetzt.

Beim Filmgespräch nach der Premiere auf der Duisburger Filmwoche ging es um andere metaphorische Aufladungen: Die letzte (und längste) der insgesamt sieben starren Einstellungen zeigt nämlich einen kastenartigen Kokerei-Löschturm, aus dem in Abständen gewaltige Rauchwolken herausquellen und in den sich abendlich verfärbenden Himmel verdampfen. Kaum vorstellbar, dass Benning – so sagt er – die Assoziationen zu »9/11« erst bei der Montage bemerkt haben will. Dann ist da noch Episode drei, in der ein Wäldchen jedes unsichtbar vorbeidröhnende Flugzeug mit einem Blätterrascheln quittiert, bevor es wieder in Stille versinkt.

Jede Menge symbolischer Überschuss also in diesem Film, der aus einem Duisburger Gastaufenthalt des selbst einer Industrieregion entstammenden Arbeitersohns und Filmemachers entstand. »Ruhr« ist sein erster außerhalb der USA entstandener Film und der erste, der digital gedreht wurde, auch weil die Verarbeitungsqualität beim analogen Material kontinuierlich sinkt. Doch die neue Technik befreit auch, etwa vom Filmrollenformat: So hat Benning dem qualmenden Kokereiturm eine ganze Stunde von insgesamt 120 Minuten gewidmet. Und die sind (zweiter Freiheitsgewinn, dank Final Cut!) keineswegs Echtzeit, sondern verdichten ein 90-minütiges Originalgeschehen. Und aus der Tunnelszene etwa hat er die Autos digital herausmontiert, deren Frequenz und Farbe ihm nicht passten. Kunstgriffe, die die mimetische Sehnsucht mancher Benning-Adepten irritieren. Doch der war ja auch bisher kein naiver Realist und hat gerne am Material gebastelt. Es geht um ästhetische Wahrheit, nicht ums naturalistische Abbild. Um Wiederholung und Variation.

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