Kritik zu Ronnie Wood: Somebody Up There Likes Me

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Mike Figgis rückt in seinem Dokumentarfilm den sonst immer im Hintergrund stehenden Rolling Stones-Gitarristen Ron Wood in den Fokus

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In »Leaving Las Vegas«, dem wohl berühmtesten Film von Mike Figgis, spielt Nicholas Cage einen Alkoholiker, der sich mit beklemmender Konsequenz zugrunde richtet. Nun hat der britische Regisseur das Genre gewechselt. Seinem Thema, dem Todestrieb, ist er treu geblieben. Auf den ersten Blick scheint seine Dokumentation über Ron Wood ebenso ein walk on the wild side zu sein. In seiner harten Zeit erschien der Rolling-Stones-Gitarrist auf Partys, wo er das Kokain in seiner Glaspfeife mit dem Bunsenbrenner anheizte. Sechs mal absolvierte er einen Alkoholentzug. Zuletzt überlebte er eine Lungenkrebs-Operation: »Somebody up there likes me«, erklärt Wood.

Das Klischee dieses Kette rauchenden Partytieres bürstet der Film jedoch von Anfang an gegen den Strich. Gleich die ersten Bilder zeigen Wood als Maler, der mit kontemplativer Hingabe eine junge Frau porträtiert. Später sitzt er vor einem Plattenspieler nebst stilvollem Röhrenverstärker und blickt zurück auf seine Kindheit und Jugend am westlichen Rand Londons. Umgeben war er damals von zwei Alkoholiker-Brüdern und einem trinkenden Vater. Zum Leidwesen seiner Gattin brachte er abends oft skurrile Typen aus der Kneipe nach Hause.

Der Film präsentiert mehr als nur Anek­doten aus dem rustikalen Leben der Arbeiterklasse. Blicke hinter die Kulissen zeichnen die musikalische Entwicklung des jungen Gitarristen nach. Schon mit zwanzig Jahren stand er neben Künstlern wie Eric Clapton und Rod Stewart auf der Bühne. Gewiss, das ist alles hinlänglich bekannt. Doch Figgis' Dokumentation ist mehr als nur ein illustriertes Rocklexikon. Archivfilme zeigen Woods frühe Auftritte mit den Small Faces und der Jeff Beck Group. Die Bilder beschwören zugleich die Atmosphäre der späten 60er Jahre. Dabei wird auch der spezielle Sound dieser Zeit lebendig. 

Dokumentarische Filme haben oftmals die gleiche Struktur: sie reihen talking heads aneinander. Auch Michael Figgis entkommt diesem Klischee nicht ganz. Doch er konzentriert sich auf vergleichsweise wenige, markante Gesprächspartner. So erinnern sich Mick Jagger und Keith Richards, wie Ron Wood nach dem Ausscheiden des Gitarristen Mick Taylor zur Band stieß. Die Stones waren da schon berühmt, doch Woods Gitarrenstil veränderte ihren Sound, der sich musikalisch zuspitzte. Die Dokumentation versucht dies mit einigen musikalischen Beispielen zu belegen. Nachträgliche Legendenbildung? Böse Zungen behaupten ja, dass Wood zu den Stones kam, als diese eine – bis heute andauernde – musikalische Krise durchmachten.

An »Shine a Light«, Martin Scorseses monumentalen Dokumentarfilm, kommt Figgis' mit 70 Minuten angenehm kurze Dokumentation nicht heran. »Ronnie Wood – Somebody Up There Likes Me« ist eher eine Fußnote zur Pophistorie. Die eher unspektakulär daherkommende Dokumentation wirft dennoch einen interessanten Blick auf jenes Mitglied der Jahrhundertband, das bislang im Schatten von Mick Jagger, Keith Richards, Charlie Watts und Brian Jones stand.

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