Kritik zu Rendezvous in Belgrad

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2011
Original-Titel: 
Praktican vodic kroz Beograd sa pevanjem i plakanjem
Filmstart in Deutschland: 
11.04.2013
L: 
86 Min
FSK: 
12

Vier Geschichten über die Liebe: Der junge serbische Regisseur Bojan Vuletic hat einen »Praktischen Reiseführer durch Belgrad mit Singen und Weinen« gedreht – und ihn mit Volksliedern und skurrilem Humor illustriert

Bewertung: 3
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Der Chor der Stewardessen singt eine Strophe aus einem alten Volkslied, das von Tränen handelt und von der verlorenen Liebe, »Jutros mi je ruza procvjetala« (Heute Morgen ist meine Rose erblüht). Das setzt sehr schön den Ton für die vier Geschichten dieses Films, die vom Suchen, Finden und Verlieren der Liebe handeln. Und wenn man weiß, dass darüber gestritten wird, ob es nun ein serbisches oder ein bosnisches Volkslied ist, passt es sehr gut zum Ort der Handlung, zu Belgrad, die einmal die Kapitale eines Vielvölkerstaats war und gerade dabei ist, aus ihrer Isolation aufzubrechen und Anschluss zu suchen.

Und so handeln die Geschichten dieses Films auch von der Begegnung mit Fremden, die es nach Belgrad verschlagen hat. In der ersten kommt die französische Sängerin Silvie (Julie Gayet) am Flughafen an und soll von dem jungen Stefan (Marko Janketic) zum Konzert gefahren werden. Was gehörig misslingt, da sie sich bis zur Besinnungslosigkeit betrinkt, das Konzert nur mit Stefan an ihre Seite übersteht – und in dessen Bus sie dann dieNacht verbringt. Was ihn den Job kostet, aber einen Moment der Liebe finden lässt. Immer leitet eine Nebenfigur aus einer Episode in die nächste über. In der zweiten geht die Konzertmangerin Melita (Anita Mancic) zu ihrem amerikanischen Geliebten (Jean-Marc Barr) und muss erfahren, dass er nicht der Diplomat ist, für den er sich ausgegeben hat – sondern nur der Koch. Das Zimmermädchen (Nada Sargin) aus dieser Episode kündigt wiederum dem deutsch-türkischen Geschäftsmann Orhan (Baki Davrak) an, ihn zu verführen. Was ihr auch mit reichlich Raki gelingt. Und eine ihrer Freundinnen (Hristina Popovic) soll einen kroatischen Polizisten (Leon Lucev) heiraten, doch die Fahrt zur Hochzeit endet in einem Maisfeld– und in einem Bekenntnismarathon.

Bojan Vuletic hat alle vier Geschichten seines Liebesreigens mit einer Prise absurden Humors und einer leisen Skurrilität gewürzt. Alle 50 Jahre kommt ihr Deutschen her, werft ein paar Bomben und sagt, dass es euch leid tut, sagt ein Passant, der sich 50 Euro leihen will, zu Orhan. Und als er erfährt, dass Orhan türkischer Abstammung ist: »Noch besser. Ihr wart 500 Jahre hier, habt unsere Frauen vergewaltigt und unsere Männer verbrannt.«

Aber anders als in einem anderen Belgrad- Film, Belgrad Radio Taxi, drängen sich die Schatten der Vergangenheit in Vuletics Film nicht so sehr in den Vordergrund. Schließlich geht es ja auch um die Zukunft in diesem streng komponierten Film, in dem jede Episode von einem Chor mit einem Vokslied eingerahmt wird: auf die Stewardessen folgen eine Antiterroreinheit, Zimmermädchen, Bauarbeiter und schließlich Strafgefangene. Und aus dem Chor löst sich immer eine Stimme, die die Vorzüge des neuen Belgrads anpreist wie in einem Fremdenverkehrsprospekt. Was am Ende sogar in der Forderung nach der Integration in die EU mündet. Aber keine Angst, das ist kein Film für Brüssel. Es ist dieselbe komisch-melancholische Verzweiflung, die auch über den Liebesgeschichten dieses Films liegt.

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