Kritik zu Prince Avalanche

© Kool Film

The long and winding road: Paul Rudd und Emile Hirsch pinseln in David Gordon Greens heiter-melancholischer Indiekomödie Mittelstreifen auf eine endlose Landstraße

Bewertung: 4
Leserbewertung
4
4 (Stimmen: 2)

Dass der Weg das Ziel ist, versteht sich im Roadmovie ja eigentlich von selbst. Der Zauber liegt im Unterwegssein, nicht im Ankommen, die Faszination besteht in der Veränderung, nicht im Stillstand. Selten aber hat ein Roadmovie diese Maxime so wörtlich genommen wie Prince Avalanche: Darin ist die Straße gleich im doppelten Sinne das Ziel, ein geschwungenes, schier endloses Band, an dem sich die beiden kauzigen Helden der Geschichte buchstäblich abarbeiten müssen. Meile für Meile tragen sie, mit einer simplen, aber effektiven Sprühvorrichtung, gelbe Mittelstreifen auf, hämmern Leitpfosten ein und verbringen die Nächte gemeinsam im Zelt. Ein Job für die Ewigkeit oder doch wenigstens für einige lange, eintönige Monate – genug Zeit, um sich unterwegs gehörig zu verändern.

Für Alvin (Paul Rudd), den Chef des Teams, sind das geradezu ideale Voraussetzungen. Er hat die Stadt und seine kriselnde Beziehung mit einer Frau namens Madison bereitwillig hinter sich gelassen. Jetzt genießt er die Ruhe, die Natur und die Monotonie der Tage. Würde er Sisyphos kennen, hielte er ihn für einen glücklichen Menschen. Anders verhält es sich mit Lance (Emile Hirsch), einem Taugenichts, den Alvin nur deshalb beschäftigt, weil er Madisons jüngerer Bruder ist. Lance langweilt sich zu Tode auf der ausgestorbenen Landstraße, denkt nur an Sex, Drugs und das nächste Wochenende.

Ein Zwei-Personen-Stück also, beinahe theatralisch angelegt in seiner Konzentration auf die Interaktion der ungleichen Protagonisten, zugleich aber auch ein sehr sinnlicher, detailverliebter Film über die schönen und manchmal auch bizarren Dinge am Wald- und Wegesrand. Unterwegs begegnen die beiden Männer nur zwei weiteren Figuren, einem trinkfesten Trucker (Lance LeGault, der kurz nach Beendigung der Dreharbeiten starb und dem der Film gewidmet ist) und einer älteren Dame (Joyce Payne), deren Haus bis auf die Grundmauern niedergebrannt ist. Dazwischen bleibt viel Zeit für ein eher humoristisches als existenzialistisches Tête-à-Tête, das über eine Reihe von Konflikten und eine handfeste Prügelei zu der Erkenntnis führt, dass Alvin und Lance trotz aller Unterschiedlichkeit vieles gemein haben: Beide sind Verdränger, die sich bislang weder zu ihren Fehlern noch zu ihren Limitationen bekannt haben, beide sind große Jungs, die sich schließlich gegenseitig dabei helfen, erwachsen zu werden. Wenigstens ein bisschen.

Prince Avalanche ist ein Remake des isländischen Films Á Annan Veg von Hafsteinn Gunnar Sigurðsson aus dem Jahr 2011. Regisseur David Gordon Green (Ananas Express) kehrt dafür zu seinen Independentwurzeln zurück und verlegt die Story aus der kargen isländischen Bergwelt ins texanische Hinterland des Jahres 1988, wo kurz zuvor ein heftiger Waldbrand wütete. Dank dieses Schachzugs müssen Alvin und Lance ohne moderne Kommunikationstechnik auskommen, was einerseits den Abenteuertrip- Charakter ihrer Mission unterstreicht, andererseits Alvins Briefen an Madison (und den Schwierigkeiten ihrer Zustellung) besondere Bedeutung verleiht.

Green zelebriert regelrecht die Langsamkeit dieses Lebensstils; geduldig und entspannt lässt er die Dinge sich entwickeln. Sein Erzählton changiert zwischen milder Melancholie und leiser Komik, gegen Ende mischen sich auch surreale Töne darunter. Auf die plumpen Gags seiner jüngeren Hollywoodfilme verzichtet er dabei komplett, lieber vertraut er auf die Absurdität seiner Prämisse und auf das Spiel seiner Hauptdarsteller. Paul Rudd, zuletzt abonniert auf sympathische, aber wenig anspruchsvolle Komödienrollen, kann hier die ganze Vielschichtigkeit demonstrieren, mit der er Independentfilme wie The Shape of Things oder Diggers zum Ereignis machte – ein Spagat zwischen Nachdenklichkeit und Hysterie, Einfalt und Einfühlsamkeit, den er wunderbar lakonisch präsentiert. Emile Hirsch, in Sean Penns Into the Wild noch selbst ein grüblerischer Aussteiger, mimt hier eher so etwas wie den Bruder von Jack Black, einen ungeschlachten und impulsiven Draufgänger, der lieber Äste abknickt, als einen Baum zu umarmen. Er ist ein wandelndes Sicherheitsrisiko, dem man besser keinen Farbeimer in die Hand drücken sollte.

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