Kritik zu Playing God

© Real Fiction Filmverleih

2017
Original-Titel: 
Playing God
Filmstart in Deutschland: 
08.02.2018
L: 
90 Min
FSK: 
16

Karin Jurschick porträtiert in ihrem neuen Dokumentarfilm den US-Juristen Ken Feinberg, der als Anwalt und Mediator hinter der Großzahl der spektakulären Entschädigungsklagen der letzten Jahrzehnte steht

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Das US-amerikanische Entschädigungs­wesen mit seinen gigantischen Schadensersatzsummen für Opfer von Unglücken, Unfällen und Verbrechen ist bei uns fast schon ein Mythos. Weniger bekannt ist, dass ein einziger Mann hinter den meisten und bedeutendsten dieser Fälle der letzten Jahre steht: der Anwalt und Mediator Kenneth Feinberg. 2001 wurde er von George Bush eingesetzt, um (mit einer Schar von Mitarbeitern, er selbst arbeitet ehrenamtlich) aus einem zu diesem Zweck angelegten Fonds möglichst zügig und gerecht die Hinterbliebenen der Opfer des Anschlags vom 11. September zu bedienen. Feinberg handelte auch den 20-Milliarden-Dollar-Deal zwischen BP und den Geschädigten des Erdöl-Desasters auf der Bohrinsel Deepwater Horizon im Golf von Mexiko aus. Er entschädigte Opfer und Hinterbliebene von Schulamokläufen und dem Bombenattentat auf den Boston-Marathon. Und er reist, mittlerweile über 70, immer noch als Berater des Justizministeriums quer durch die USA zu Bürgerversammlungen, in denen es darum geht, eine praktikable Lösung für die durch Fondsmanager verursachten Rentenlöcher von Millionen von amerikanischen Pensionären zu finden.

Feinberg ist auch die Hauptperson dieses Dokumentarfilms. Ein klug gewählter Held, weil sich an seiner Tätigkeit und seinen Einstellungen wie unter einem Brennglas die Problematik ethischen Handelns zwischen rechtsstaatlichen Vorgaben und kapitalistischer Logik erkennen lassen. Denn der Wert eines Menschen bemisst sich in dem von Kongress und Justiz vorgegebenen Entschädigungsverfahren ausschließlich an dem, was der Verstorbene in seinem Rest­leben an Einkommen hätte verdienen können. Die Erben eines kurz vor dem Renteneintritt im Dienst getöteten Feuerwehrmanns kommen da beispielsweise nicht gut weg. Aber Feinberg ist auch als Charakter interessant, der sich dieser Dilemmata glasklar bewusst ist und sie – manchmal auch mit der entsprechenden Härte – einprägsam formulieren kann. Dabei scheut er die Konfrontation mit den über seine Entscheidungen oft entrüsteten Angehörigen nicht. Als Gegengift zu den Strapazen seines Jobs ballert er sich nach Feierabend zu Hause mit Opern im XXXL-Sound zu. Mehr Filmmusik hätte es da eigentlich nicht gebraucht.

Regisseurin Karin Jurschick ist als Filmemacherin erfahren genug, sich von Feinbergs Charisma nicht über Gebühr einwickeln zu lassen. So bekommen im Film neben dem Mediator selbst auch einige der sich von seinen Entscheidungen ungerecht behandelt fühlenden Klienten Stimme und Bild: Menschen, die Feinbergs Methodik im Ganzen oder im konkreten Einzelfall harsch kritisieren. Ob zu Recht oder Unrecht, will und soll der Film dabei nicht beantworten. Er schafft viel Wichtigeres: Über die filmische Auseinandersetzung mit der Tätigkeit und Persönlichkeit des US-Juristen stellt er mit einer im engagierten Dokumentarfilm derzeit seltenen Genauigkeit und Schärfe einige zentrale Fragen zu nur scheinbar abstrakten Prinzipien auch unserer Gesellschaft.

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