Kritik zu Paris Calligrammes

© Real Fiction Filmverleih

2019
Original-Titel: 
Paris Calligrammes
Filmstart in Deutschland: 
11.06.2020
L: 
129 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Ulrike Ottinger reflektiert über den eigenen Werdegang mit einem filmischen Essay, in den Archivmaterial, Spielfilmausschnitte und vieles andere eingeht

Bewertung: 4
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Ulrike Ottinger nimmt eine einzigartige Ausnahmeposition im deutschen Kino ein. Mit 78 Jahren nimmermüde aktiv, präsentierte sie anlässlich der Verleihung der Berlinale Kamera 2020 für ihr Lebenswerk den filmischen Essay »Paris Calligrammes«. Anders als ihre bisherigen 25, ausschließlich durch die eigene Kamera­arbeit geprägten Filme überrascht »Paris Calligrammes« als raffiniertes Gewebe aus historischen Dokumentar- und Spielfilmclips. Anschaulich und unterhaltsam formt Ulrike Ottinger dieses wilde heterogene Material zu einem üppigen Bilderfluss, der ihr ermöglicht, in einem sehr persönlichen Duktus von den Menschen, Orten, Straßen, Künsten und Alltagsbedingungen zu erzählen, die sie während ihres Aufenthalts am Pariser Rive Gauche in den Jahren 1962 bis 1969 erlebte. 

Alle Koordinaten ihrer Weltsicht und ihres Kunstverständnisses, so wird deutlich, führen in diese nicht nur goldene Ära ihrer Anfangsjahre zurück. Aber auch wer Ulrike Ottinger nicht kennt, kann sich von »Paris Calligrammes« als Liebeserklärung an die Stadt, als Hommage an den kulturellen Reichtum der deutsch-jüdischen Exilanten und als topografische Erkundung einer Metropole im politischen Umbruch angesprochen fühlen. 

Calligrammes, die antiquarische deutsche Buchhandlung von Fritz Picard, und der Kreis der Intellektuellen und Künstler, der sich bei ihm einfand, waren ebenso prägende Zeitzeugen für die junge Konstanzerin Ulrike Ottinger, die sich vornahm, in Paris eine große Künstlerin zu werden, wie der Maler Johnny Friedlaender, in dessen Atelier sie Radiertechniken lernte.

Seit ihrem Debüt» Laokoon und seine Söhne« 1973 ist Ulrike Ottinger mit surreal stilisierten, ornamentalen Spielfilmen international präsent. Weder lässt sich ihre magisch-fantastische Gegenwelt zum Naturalismus dem Neuen Deutschen Film zuordnen noch den sozialkritisch-psychologischen Diskursen des feministischen Erzählkinos. In »Paris Calligrammes« beschreibt sie die Begegnungen mit Dadaisten und Surrealisten als Erben der künstlerischen Avantgarde der ersten Jahrhunderthälfte. In Paris war gegenwärtig, was der Faschismus in Deutschland vernichtet hatte. Daran knüpft Ulrike Ottingers eigenwillige Ästhetik an.

Ihre Fotografien, malerisch gestalteten Drehbücher, Ausstellungen und Bühneninszenierungen haben ihren Ruf als experimentelle Künstlerin gefestigt, daneben aber lebte sie stetig auch ihre Reiselust aus und realisierte viele Dokumentarfilme, allesamt Erkundungen zum Alltag, zur Natur und Kultur in unbekannten asiatischen und anderen Regionen, zuletzt 2016 »Chamissos Schatten«, die zwölfstündige Dokumentation ihrer Expedition in die Nordpazifikregionen zwischen Russland und den USA. »Paris Calligrammes« führt zu den Spuren der Kolonialmacht Frankreich zurück, in Museen, zu Filmen und Erinnerungen an die brutalen Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und Migranten in den 1960er Jahren. Dieses zwiespältige Erbe war ein Anstoß für die Debütantin, ihren eigenen Weg zu Begegnungen mit dem Fremden zu suchen. 

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