Kritik zu Palästina 36

© Alamode Film

Annemarie Jacirs Spielfilm erzählt einseitig vom Arabischen Aufstand 1936. Ein politisches Lehrstück im Deckmantel eines historischen Epos.

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Ein Mann mit angeklebtem Bart tritt vor ein Mikrofon, sagt ein paar Worte, dann verschwindet er wieder im Hintergrund. Es ist einer der seltenen Momente, in denen in »Palestine 36« überhaupt ein jüdischer Charakter zu sehen ist. Mehr Stimme wird ihm nicht zugestanden.

Der Film der palästinensisch-amerikanischen Regisseurin Annemarie Jacir führt ins Jahr 1936, in die Anfangsphase des Arabischen Aufstands gegen die britische Mandatsmacht. Im Zentrum stehen mehrere Figuren, deren Wege sich lose kreuzen. Ein junger Mann schließt sich bewaffneten Gruppen an, die Anschläge auf britische Infrastruktur verüben. Ein Dorf gerät unter Druck, als Streik und Repression den Alltag lähmen. Kinder bewegen sich zwischen Neugier und Angst durch eine zunehmend militarisierte Umgebung. Parallel dazu agieren britische Offiziere, die Proteste überwachen, Razzien anordnen und mit wachsender Härte reagieren. Wiederkehrende Szenen zeigen Straßensperren, Hausdurchsuchungen, Verhaftungen und kollektive Bestrafungen. Einzelne Episoden verdichten sich zu Momenten eskalierender Gewalt, etwa wenn Dorfbewohner öffentlich gedemütigt oder ganze Gemeinschaften unter Generalverdacht gestellt werden.

Das Problem liegt weniger in dem, was gezeigt wird, als in dem, was fehlt. Der Aufstand richtete sich historisch auch gegen die jüdische Bevölkerung. Im Film bleibt sie nahezu unsichtbar. Zwei Auftritte, kein nennenswerter Dialog. Diese Leerstelle ist nicht bloß Entscheidung für eine Perspektive, sondern eine bewusste Ausblendung.

Auch die politische Zeichnung folgt klaren Linien. Britische Figuren verkörpern Macht und Härte, arabische Figuren Widerstand und Leid. Komplexere Dynamiken bleiben unterbelichtet. Landkäufe erscheinen als administrative Akte von oben, nicht als Ergebnis vielfältiger Inte­ressen. Führungsfiguren der damaligen arabischen Politik tauchen kaum greifbar auf.

Dabei zeigt der Film handwerklich durchaus Potenzial. Das restaurierte Archivmaterial fügt sich erstaunlich organisch ein, die Kamera findet eindrucksvolle Bilder, einige Darsteller geben ihren Rollen Gewicht. Ein kurzer humorvoller Moment, ein Junge nennt den Familien­esel Balfour, deutet an, welches erzählerische Spektrum möglich gewesen wäre.

So aber wirkt das Ganze wie eine historische Folie für gegenwärtige Debatten. Begriffe, Bilder und Auslassungen bieten sich geradezu an oder nehmen es zumindest in Kauf, sich mühelos in heutige Konflikte übersetzen zu lassen. In einem Klima, in dem propalästinensische Proteste stark auf historische Narrative zurückgreifen, liefert der Film eingängige Bilder und klare Zuordnungen. Differenz würde da nur stören.

Als künstlerische Position mag das legitim sein. Als Annäherung an Geschichte ist es ärgerlich. Der dezente Hinweis auf Fiktion im Abspann ändert daran wenig. Wer hier historische Reflexion und Einordnung sucht, findet vor allem ein politisch motiviertes Framing.

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