Kritik zu No Mercy
Frauen machen die härteren Filme: Von dieser griffigen These ausgehend, wagt die Dokumentation einen Streifzug durch feministische Filmgeschichte.
Früher habe sie die Ansicht für dumm gehalten, dass Regisseurinnen andere Filme als ihre männlichen Kollegen machen. Dann wurde Kira Muratova 1988 zum Frauenfilmfestival nach Créteil eingeladen und zu neuer Einsicht bekehrt. Denn die Filme dort seien viel »härter« als die des männlichen Standards gewesen. Referiert wird diese Anekdote der sowjetisch-ukrainischen Regisseurin von ihrer heutigen Dokumentarkollegin Isa Willinger (»Plastic Fantastic«). Die war von Muratova seit dem Eindruck einer Retrospektive während eines New-York-Aufenthalts so sehr fasziniert, dass sie sogar eine Monografie zu der 2018 in Odessa verstorbenen eigenwilligen Filmemacherin veröffentlicht hat.
Das den üblichen Vorurteilen über den sogenannten »Frauenfilm« entgegenstehende Statement blieb Willinger im Kopf und entfaltete dort nachhaltige Wirkung. Und irgendwann entstand aus den daraus entstehenden Fragen die Idee zu diesem Film, der die Suche nach Antworten mit anderen Frauen kommuniziert (wobei sowohl Willinger selbst wie die Untertitelung des Films sprach-schlampig undifferenziert mit den Begriffen »hart«, »brutal« etc. und ihren Übersetzungen umgehen): einem guten Dutzend mit Filmausschnitten und teilweise auch Gesprächen vorgestellten Filmemacherinnen aus jüngerer Zeit von Catherine Breillat und Alice Diop bis zu Joey Soloway, Mouly Surya oder Apolline Traoré. Diese teilen in einer polyphonen Montage ihre Erfahrungen mit Diskriminierung, Erniedrigung und Gewalt und ihre persönlichen und filmpraktischen Antworten: Geschichten von Wut und Rache, aber auch Begehren, Solidarität oder Schwesterlichkeit. Während Monika Treut die innerfeministischen Konflikte um SM und Pornografie referiert, hat Nina Menkes eine besondere Rolle mit Verweis auf ihren starken Dokumentarfilm »Brainwashed«, der den misogynen Charakter der Mainstream-Filmsprache analysiert und anklagt.
Zu diesen Filmschaffenden kommt in einer tragenden Rolle mit Jackie Buet als Gründerin und aktuelle Leiterin des 1979 gegründeten »Festival de Films des Femmes« in Créteil die wohl weltweit dienstälteste feministische Kuratorin. Sie führt neben Willingers persönlichem Kommentar anhand von anekdotischen Fundstücken aus dem Archiv des Festivals durch den Film. Dabei wird in der Bewegung vom Rape-Revenge-Film zu queeren Identitäten deutlich, dass Muratovas Bemerkung eigentlich nur ein – intelligenter – Anlass ist, um feministische Filmgeschichte der letzten Jahrzehnte in Stellung zu bringen. Und es lässt sich bei aller Vielfalt der Stimmen ohne Spoiler-Gefahr zusammenfassend sagen, dass hinter der zitierten »Härte« eigentlich nur eine klare und ideologiefreie Analyse patriarchaler Realitäten steht. Insgesamt erweist sich Willingers Arbeit als ein in der Vielfalt der Zugänge und Aspekte und der Angriffslustigkeit seiner Argumente erfrischend anregender Film. Vorzuwerfen wäre höchstens, dass das französische Kino stark überrepräsentiert ist und der Blick – neben einem ganz kurzen Ausflug zur Filmpionierin Alice Guy – nicht weiter in die Geschichte gerade auch des Stummfilms geht.



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