Kritik zu Nächster Halt: Fruitvale Station

© DCM

2013
Original-Titel: 
Fruitvale Station
Filmstart in Deutschland: 
01.05.2014
V: 
L: 
85 Min
FSK: 
12

Vielfach preisgekrönt und lange als Oscarkandidat gehandelt: Das Regiedebüt von Ryan Coogler schildert einen Tag im Leben eines jungen Afroamerikaners –
und seinen plötzlichen, gewaltsamen Tod

Bewertung: 4
Leserbewertung
3.5
3.5 (Stimmen: 2)

Den meisten US-Amerikanern ist der Name Oscar Grant ein Begriff, viele Millionen Mal wurden auf Youtube die Handyaufnahmen abgerufen, die in den frühen Morgenstunden des 1. Januar 2009 auf dem Bahnsteig der Fruitvale Station nahe San Francisco entstanden. Zahlreiche Passagiere wurden damals Zeuge, wie der 22-jährige Afroamerikaner, der am Boden lag und unbewaffnet war, von einem weißen Polizisten in den Rücken geschossen wurde. Sein Tod löste heftige, auch gewaltsame Proteste aus, die spätere Verurteilung des Polizisten zu nur zwei Jahren Haft erschien vielen wie blanker Hohn – und als weiteres Beispiel des fortdauernden Rassismus von Polizei und Justiz.

Am Anfang und am Ende von Fruitvale Station stehen die Bilder aus dem gleichnamigen Bahnhof. Zu Beginn sind es die Originalaufnahmen jener Nacht: verwackelte, unscharfe Eindrücke einer unübersichtlichen Situation, in die ein paar Polizisten und eine Gruppe junger Schwarzer involviert sind. Ein Schuss fällt. Nach einer Schwarzblende setzt die fiktionale Nacherzählung der letzten 24 Stunden im Leben von Oscar Grant ein, in einer Inszenierung, die von allem Sensationalismus Abstand nimmt und das intime Porträt eines jungen Mannes zeichnet. Der Name aus den Schlagzeilen wird in diesem Film zum Individuum, das Opfer zum Handelnden.

© The Weinstein Company

Grant (Michael B. Jordan) ist kein Unschuldslamm, er saß schon im Gefängnis, er dealt weiter mit Marihuana und hat eben erst seinen Job im Supermarkt wegen Unpünktlichkeit verloren. Aber an diesem Tag vor dem Jahreswechsel, nach einem Streit mit Freundin Sophina (Melonie Diaz), beschließt er, endlich Verantwortung zu übernehmen: für sein eigenes Leben, für die Beziehung und für die kleine Tochter Tatiana, die er über alles liebt. Differenziert beleuchtet der Film nun, wie er versucht, ein paar Dinge auf die Reihe zu bekommen, und welche Hindernisse ihm dabei im Weg stehen. Im Supermarkt bettelt er beim Chef um eine neue Chance – vergeblich. Enttäuscht und voller Sorge angesichts der fälligen Miete beschließt er, doch noch sein letztes Marihuana zu verkaufen, besinnt sich aber unterwegs zum Treffpunkt eines Besseren. Nebenbei gilt es noch ein paar Vorbereitungen für die Geburtstagsfeier seine Mutter zu treffen, die am Abend stattfindet. Nach dem kleinen Familienfest bricht er dann mit Sophina und ein paar Freunden nach San Francisco auf, um dort Silvester zu feiern. Die fröhliche, harmonische Nacht mündet dann auf der Rückfahrt mit der Bahn unvermittelt in die Katastrophe: Der Kreis zum Filmbeginn schließt sich. Rau und packend, in bestürzendem Kontrast zur Ruhe des Vorangegangenen, rekonstruiert der Film die Eskalation der Ereignisse, wischt damit aber nicht einfach hinweg, was er zuvor so sorgfältig gezeichnet hat.

Das Bild eines recht gewöhnlichen afroamerikanischen Lebens in der Vorstadt, die glaubwürdige Milieuschilderung ohne naheliegende Klischees bleiben haften. Und so unprätentiös Cooglers Inszenierung des Alltags ist, birgt sie doch meisterhafte filmische Miniaturen. Einige Szenen beeindrucken durch ihr Gespür für Rhythmisierungen in Mise en Scène und Montage, unterstützt vom atmosphärischen Soundtrack von Ludwig Goransson und die Leistungen eines starken Ensembles. Neben Melonie Diaz als Sophina und Octavia Spencer (The Help) als Mutter ist es vor allem die subtile Verkörperung Oscars durch Michael B. Jordan (The Wire, Chronicle), die dem Film eine eigentümliche, nachdenkliche Energie verleiht.

© The Weinstein Company

Gegen Ende betont das Drehbuch die tragische Fallhöhe seines unheroischen Helden etwas zu sehr, indem es vor seinem Tod noch Momente der Verbrüderung zwischen Schwarz und Weiß einstreut. Der emotionalen Wucht des Films tun diese Idealisierungen jedoch keinen Abbruch. Fruitvale Station ist ein herausragendes Beispiel der jüngsten Welle afroamerikanischer Filme. Ohne seinen Protagonisten für ein politisches Statement zu instrumentalisieren, ist es ein engagiertes Werk, ein würdiges Memento für ein sinnlos verschwendetes Leben.

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