Kritik zu N – Der Wahn der Vernunft

© Real Fiction/Berlinale

2014
Original-Titel: 
N: The Madness of Reason
Filmstart in Deutschland: 
26.03.2015
L: 
102 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Der belgische Filmemacher Peter Krüger widmet sein poetisches Filmessay dem Lebenswerk des Franzosen Raymond Borremans, der Westafrika bereiste und dazu eine leider unvollendet gebliebene Enzyklopädie verfasste

Bewertung: 3
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Von oben blickt die Kamera auf eine verfallene Stadt. Der Dschungel hat sich zwischen den Wänden der Häuser breitgemacht und ist dabei, sich sein ihm angestammtes Terrain zurückzuerobern. Langsam und assoziativ bewegen sich die Bilder, und eine ruhige Stimme beginnt zu sprechen. Westafrikanischer Alltag, seine Mythen und Naturwunder, Städte, die von oben aussehen wie New York oder Los Angeles, breite Straßen, schlammige Wege und immer wieder Menschen, die erzählen, wie es ihnen geht und was sie vom Leben erwarten. In seinem Film folgt der belgische Filmemacher Peter Krüger dem Prinzip des französischen Musikers und Enzyklopädisten Raymond Borremans, der in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts nach Afrika kam, zuerst von seiner Musik lebte und später mit einem mobilen Kino durch die Lande zog und Geschichten sammelte. Mit dem Ziel, eine Enzyklopädie von Westafrika zu schreiben, reiste er an die Elfenbeinküste, in den Senegal, nach Mali und Burkina Faso, das damals noch Obervolta hieß. Sein Werk allerdings gedieh nur bis zu dem Buchstaben N und wurde 1986 veröffentlicht. Der Schwerpunkt seiner Enzyklopädie lag mit 75 000 Einträgen auf der Elfenbeinküste und gilt heute als »Le grand dictionnaire ­encyclopédique de Côte d’Ivoire« oder einfach als »Der Borremans«. Das alles erzählt uns der Film jedoch nicht. Stattdessen gehen die Bilder von Peter Krüger eine Verbindung mit dem Text des nigerianischen Poeten Ben Okri ein und imaginieren einen geisterhaft in Afrika hängengebliebenen Borremans, der sich zwischen Vergangenheit und ­Gegenwart zurechtzufinden sucht.

Als Geist will er sein Projekt beenden. Gelebte Philosophie in Dichtung und Wahrheit – so könnte man dieses Filmprojekt beschreiben, als direkte Erfahrung jenseits der Information. Und die philosophische Ausbildung von Peter Krüger macht es dem Zuschauer dabei auch nicht leichter. Man verliert schnell die Orientierung, ähnlich wie Raymond Borremans selbst, und bleibt nicht erst bei dem Buchstaben N, sondern immer wieder stecken. Das schier Uferlose dieser an Mythen und Geschichten reichen Region des von Europa vergessenen Kontinents durchzieht der Film mit einer eigenen Willkür.

In seinen besten Minuten ist der Film ein Plädoyer für mehr Interesse. Es ist der Versuch, in ein Land einzudringen, das sich zu entdecken lohnt. An der Oberfläche dieser afrikanischen Realität brechen sich die Klischees. Wüste, urbaner Wildwuchs und wundersame Magie wechseln einander ab. Aber da ist auch das Verrückte der Enzyklopädie von Raymond Borremans, an dem der Verstand verzweifelt. Immer wieder ist man komplett verloren und darauf zurückgeworfen, das Bilder, Sprache und Musik von ihrer eigenen Schönheit leben. Der Text von Ben Okri wird von dem französischen Schauspieler Michael Lonsdale gesprochen. Ein meditatives Kunstwerk, das seinen aufgeklärten Zuschauer sucht. Womöglich vergebens.

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