Kritik zu Moonlight Mile

Trailer englisch © Touchstone Pictures

Bad things happen? Dustin Hoffman in einem gelungenen Film über die Schwierigkeit zu trauern

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In dem Anzug, nach dem Joe greift, kann man heiraten oder jemanden beerdigen. Noch ist es offen, welcher Gelegenheit die Rasur seines Beinah-Schwiegervaters Ben Floss gilt. Dann kommt Bens Frau die Treppe herunter. Jojo Floss trägt eine Sonnenbrille. Ihr Mund ist eine Wasserwaage. Sie hält sich gerade. So gerade wie jemand, der glaubt, sich halten zu müssen. Susan Sarandon hat Jojo noch keine Stimme verliehen, da verrät ihr Auftritt schon das Drama: Moonlight Mile von Brad Silberling (Stadt der Engel) ist ein Film der Unterschiede, der Verschleppung einer Bewegung, der Verschiebung einer Geste, die nicht der Körper, sondern die Seele diktiert.

Vor ein paar Tagen ist Bens und Jojos Tochter Diana im Eiscafé erschossen worden. Das Eiscafé prangt für eine fiktive Kleinstadt wie Cape Anne, selbst im realistischen Massachusetts der siebziger Jahre, in überraschenden Farben. Das Eiscafé ist der modische Teil der Stadt. Doch ein altmodischer Ehestreit bricht in das süße Leben von Cape Anne ein und reißt Dianas Leben an sich. Ein Mann schießt auf seine kellnernde Frau. Diana, erfährt man aus Gesprächen, hat im Schussfeld Eis gegessen. Es könnte ein Zufall sein, dass der Tod sie am Ort des rosarot angestrichenen Aufschwungs ereilt. Aber die graumäusige Hauptstraße der kleinen Stadt spricht von einer subtilen Verknüpfung. Die Zukunft lebt nicht in Cape Anne. Der Vietnam-Krieg neigt sich dem Ende zu, die Energiekrise macht vor der Fassade des einstigen New-England-Wohlstands nicht halt. Schon lauert ein Spekulant darauf, die Hauptstraße en bloc abzureißen und Amerika das Antlitz der Gleichförmigkeit zu geben. Auch der erfolglose Makler Ben Floss könnte sich am Ausverkauf eines verblassten Heimatgefühls sanieren.

Die Beerdigung kommt Dianas Hochzeit zuvor. Der 24-jährige Joe wird binnen Tagesfrist vom Bräutigam zum Witwer. Dass Joe keine Zeit hatte, ihr Schwiegersohn zu werden, hält Ben und Jojo nicht davon ab, ihn zu vereinnahmen. Alles soll der rührende Junge dem ungleichen Paar ersetzen: die Tochter und den Sohn, der mit Ben ins Geschäft einsteigen soll, das Bücherschreiben, die verlorene Jugend. Jojo Floss ist Schriftstellerin, schreibgehemmt seit dem Tod der Tochter, ungebremst in ihrer Menschenkenntnis. "Der einzige Ehrliche hier", sagt Jojo, wenn ihr Hund einer Beileidssagerin auf die Füße kotzt, pulitzerpreisverdächtig in ihrer Unfähigkeit, den Schmerz nicht mit glorreichen Zynismen auf Distanz halten zu können. Mit grimmigem Pathos verbrennt sie die Büchergeschenke wohlmeinender Beerdigungsgäste - "Bad Things Happen" ", papierne Streicheleinheiten, ungefähr so ehrlich wie Dianas Freundinnen, die anstandshalber seufzen, während sie den Kleiderschrank der Verstorbenen plündern. Wenn man wissen will, wie nahe der Tod eines Menschen dem (all)gemeinen, sprich: nicht in Liebe verbundenen Menschen geht, muss man sich ansehen, wie die hübsche Cheryl Dianas Lederjacke ausfüllt, indem sie alles, was reinpasst, in Joes Gesichtsfeld hält.

Auch Ben umwirbt den jungen Mann auf eine Weise, die Selbstsucht und Ratlosigkeit als Paar ins Bild rückt. Auf dem Foto, das Ben zur Geschäftsgründung von "Floss & Son" anfertigen lässt, sieht Joe aus wie eine heimatlose Braut, über der Ben als väterlicher Bräutigam aufragt. Es sind die Schnappschüsse des Unbewussten, die uns den Film ans Herz legen wie ein Familienalbum, dessen Lügen wir durchschauen, aber als Formen der Liebe erkennen. Moonlight Mile hat die Größe, nicht größer als das Leben sein zu wollen. Trauer und Komik stehen sich hier gegenüber wie zwei Ausguckpfosten, zwischen denen sich der Arbeitsplatz eines Hochseilartisten befindet. Nicht genug, dass Joe bei dem Versuch, Jojo und Ben zu trösten, sein Leben aus den Augen verliert, obwohl es mit der Postbotin Bertie gerade beginnen könnte. Wie Joe trauert auch Bertie einer gewaltsam, einer vom Vietnamkrieg entrissenen Liebe nach. Doch an die Aufrichtigkeit, mit der sie sich dem überforderten Joe nähert, kommt der Hals über Kopf Verliebte nicht heran. Joes Geheimnis sitzt in den Händen, die Jake Gyllenhaal so ratlos an sich herabbaumeln lässt, als könnten sie die Wirklichkeit nie mehr greifen. Die haltlos fuchtelnden Händen versuchen bisweilen, das Netz von Hass und Lynchlust, von Selbstanklage und Selbstverlust zu zerreißen, das Jojos und Bens Wahrnehmung verschleiert. Aber erst bei der Verhandlung gegen den schießwütigen Ehemann, im Zeugenstand, legen sich Joes Hände zusammen. Sie schließen den Kreis der Erzählung und heben anstelle des Mythos von der quasi am Altar gemordeten Liebe die ernüchternde Wahrheit hervor. Diana saß nur im Eissalon, um ihrem Vater zu eröffnen, dass die Hochzeit nicht stattfinden wird.

Joes Beichte ist eines Dustin Hoffman als Partner und leibhaftiger Filmreferenz würdig: Sie ist eine Reifeprüfung vor dem Tode, ein reinigendes Feuer, in dem alle Kondolenzkarten der Welt verbrennen. Befreit vom Vorbild des Todes, werden Jojo und Ben den Tod akzeptieren. "Scheiß auf das Parfüm, gib mir die Warzen", sagt Jojo und beginnt über ihre Tochter zu schreiben wie Moonlight Mile gefilmt ist: zwischen Zartheit und Brüskheit, auf den Umwegen der Verdrängung und dem Königsweg der Erinnerung.

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