Kritik zu Before Midnight

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Szenen einer Ehe: Im dritten Teil von Richard Linklaters »Before«-Zyklus, 18 Jahre nach ihrem romantischen Kennenlernen in »Before Sunrise«, sind Julie Delpy und Ethan Hawke als Paar im Alltag angekommen

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4 (Stimmen: 1)

Es beginnt an einem griechischen Flughafen. Der Familienurlaub neigt sich dem Ende zu und Jesse (Ethan Hawke) verabschiedet seinen halbwüchsigen Sohn. Der Junge hat die Ferien mit seinem Vater und dessen neuer Familie verbracht und fliegt vorzeitig zurück zur Mutter in die USA. Jesse versucht mit etwas zu offensichtlicher Beiläufigkeit, Nähe herzustellen, irgendwie anzudocken, Verbundenheit zu beschwören. Aber was er auch sagt und tut – Sohnemann hat längst anderes im Kopf und legt die Gleichgültigkeit des Pubertierenden an den Tag. Der große Vater-Sohn-Moment, den Jesse sich zweifelsohne wünscht, findet nicht statt.

Der kleine Prolog bietet einen schönen Vorgeschmack auf die zentralen Themen des Films. Um Kommunikation geht es und um die Probleme damit; um Veränderungen im Miteinander, die nach einer Weile unvermeidlich scheinen; letztlich auch um die Ernüchterung, wenn einer mehr oder anderes will als der andere. Richard Linklater erweist sich schon hier als Meister der alltäglichen Beobachtung. Alles wirkt echt, spontan und direkt aus dem Leben gegriffen. Es ist, als ob man in die Wirklichkeit eintauchte und nicht in einen Kinofilm.

Auch die beiden Vorläufer »Before Sunrise« und »Before Sunset« besaßen diese Qualität, lebten aber vor allem vom Zauber, der dem Anfang (und der Jugend) innewohnt. Beide erzählten von Zufallsbegegnungen und vom Sich-Verlieben, von Initiationen, die naturgemäß eine andere Dynamik und Intensität besitzen als der Alltag. Mit »Before Midnight« wagen Linklater, Hawke und Julie Delpy sich an einen bedeutend schwierigeren Punkt in der Beziehungshistorie der beiden Protagonisten heran – an den Moment, in dem die Liebe Risse bekommt und, wie Celine es auf der Rückfahrt vom Flughafen formuliert, von dem man später vielleicht sagen wird, es sei der Anfang vom Ende gewesen.

Neun Jahre sind vergangen seit der letzten Begegnung in Paris (genauso viele wie zwischen dem ersten und dem zweiten Teil), und die Romantiker von einst weisen inzwischen sämtliche Eigenschaften eines gesetzten Ehepaars auf. Erbarmungslos, rund eine Viertelstunde lang, richtet Linklater während der Autofahrt die Kamera auf die beiden, schneidet zwischendurch nur einmal kurz weg. Jesse und Celine verhandeln alles: Beruf, Familie, Erziehung, Beziehung, Perspektiven, Geschlechterrollen. Dabei wird ihre Vertrautheit spürbar, aber auch die wachsende Ungeduld, die manchmal in Genervtheit umschlägt. Grandiose Dialoge haben Linklater, Delpy und Hawke da gemeinsam geschrieben, Gesprächsszenen einer Ehe, die zwischen großen und kleinen Fragen, leichten und schweren Gedanken changieren und ebenso speziell wie universell wirken. Die emotionalen Schwankungen im Miteinander, das permanente Aufeinanderzu und Voneinanderweg, die Attraktion und die Abstoßung – alles wird sehr pointiert und zugleich unangestrengt auf den Punkt gebracht; wie die beiden Vorgänger besitzt dieser Film Charme und Witz, aber dazu auch Reife und Lebensklugheit, die dem Jesse & Celine, Celine & Jesse: Ethan Hawke, Julie Delpy Ganzen Tiefe und, gelegentlich, eine angemessene Schwere verleihen.

Wiederum spielt sich die Handlung innerhalb von 24 Stunden ab. Und das goldene Sommerlicht der Urlaubsinsel sorgt für ein ähnlich romantisches Setting wie einst die urbanen Metropolen Wien und Paris; das Pittoreske aber steht diesmal eher im Kontrast zur Gefühlslage des Paares. Bezeichnenderweise ist das Hotelzimmer, in dem die beiden eine romantische, kinderfreie Nacht verbringen wollen, anders als das schmucke ländliche Anwesen, in dem sie ihren Urlaub verbracht haben, ein charakterloser, fast geschäftsmäßiger Ort. Hier kommt es zu einem zwanzigminütigen Schlagabtausch, der erneut zwischen erotischer Faszination und gandenlosem Seelenstriptease schwankt. Noch schonungsloser als zuvor werden die Abgründe zwischen Jesse und Celine ausgelotet, kommen Gedanken und Haltungen zum Vorschein, die sonst eher unter den Beziehungsteppich gekehrt werden.

Sollte dieses einmalige filmische Langzeitexperiment in neun Jahren seine Fortsetzung finden, »Before Twilight« vielleicht, dann werden Jesse und Celine sich womöglich nach längerer Trennung wiedersehen.

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