Kritik zu Mein Ende. Dein Anfang.

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Ein Film für Regentage: Mariko Minoguchi zeigt den Zufall am Werk und konstruiert einen Film, der unter anderem dem Zusammenhang von Pathos und Naturwissenschaft nachgeht

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Der Film beginnt mit seinem Ende. Bei einem Banküberfall stirbt Aron. Er wird erschossen, weil er seine Freundin Nora beschützen will. Aus einer Kette von Zufällen, einer ungeplanten Begegnung, einer Verabredung zum Essen, dem Mangel an Bargeld und der praktischen Nähe einer Bank, entspringt das Schicksal in seiner ganzen Tragik. So unsinnig dieser Tod ist, ist er doch fast schon ein Klischee. Menschen sterben, wenn andere Waffen in die Hand nehmen, um sich persönlich zu bereichern.

Auch ist es nicht außergewöhnlich einen Film mit dem tragischen Ende zu beginnen und die Geschichte dann in Rückblenden zu erzählen. Doch die Art, wie Mariko Minoguchi hier vorgeht, ist derart klug und beeindruckend, dass jedes Klischee verfliegt und man vor Trauer fast die Augen schließen möchte. Langsam, mit jeder Information steigert sie das Gefühl und macht aus »Mein Ende. Dein Anfang«. einen der bewegendsten Filme des Jahres.

Denn das Drama des Einen entwickelt sich schlüssig aus dem Drama eines Anderen. Natan ist der Vater einer krebskranken Tochter. Weil sie ihr Armband immer verliert, steckt er gedankenverloren in dem Supermarkt, in dem er als Nachtwächter arbeitet, einfach eins ein. Das führt zur sofortigen Entlassung. Was im Grunde nicht schlimm wäre, einen solchen Job findet man leicht wieder, ist für Natan eine Katastrophe. Denn mit der Entlassung erlischt auch der betriebliche Versicherungsschutz, der das teure, nicht von den Kassen getragene Medikament für die Tochter finanziert. Nun müssen auf die Schnelle 100 000 Euro her, damit die Therapie weiterlaufen kann. Da ist der Bankraub nur eine von vielen dummen Ideen. Eine weitere ist die, die Platzpatronen auszutauschen, aber davon weiß Natan, der sich auf seinen etwas überdrehten Freund verlässt, nichts. Und dass er sich nach der Tat um Nora kümmert, sich sogar in sie verliebt, auch das ist keine besondere Wendung. Im Zusammenspiel allerdings, in der unmittelbaren Nachvollziehbarkeit jedes Handlungsschritts und der harten, mitunter arhythmischen Schnittweise entsteht ein besonderer Film.

Mariko Minoguchi denkt in Szenen, in szenischen Verbindungen. Ihre Hauptfigur ist ein Doktorand der Physik, der beweisen will, das alles miteinander in Verbindung steht. Die letzten Worte, die er seiner geliebten Freundin zuhaucht sind »Mein Ende ist dein Anfang«. In der romantischen Verbindung von Pathos und Naturwissenschaft wird der Kreislauf der Dinge hier für einen Moment angehalten. In den nun folgenden Rückblenden versucht Minoguchi nachvollziehbar zu machen, dass alles mit allem zusammenhängt. Hätte das Wetter, dessen Ursprung auf Phänomene zurückgeht, die Millionen Jahre alt sind, an diesem einen Tag keinen Regen hervorgebracht, hätten sich Aron und Nora nie getroffen. Und in dieser Begegnung, die den Anfang einer großen Liebe und das Ende des Filmes markiert, wird deutlich, dass nicht Pathos, sondern alltägliche Klarheit den Titel bestimmt. Aron/Nora: Mein Ende. Dein Anfang. So einfach, so fantastisch.

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