Kritik zu Mathilde

© Kinostar Filmverleih

Der Russe Aleksey Uchitel hat die Liebesaffäre des letzten russischen Zaren mit einer Primaballerina als bildgewaltiges, konventionell erzähltes Historiendrama inszeniert

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Auf das Büro von Regisseur Aleksey Uchitel flogen bereits Molotowcocktails, Kinos wurden bedroht und eine Duma-Abgeordnete startete einen Feldzug gegen den Film und seinen Hauptdarsteller Lars Eidinger. Es geht um »Mathilde«, jenes opulente Historiendrama, in dem Eidinger Nikolaj II., Russlands letzten Zaren, spielt. Und es geht um dessen Affäre mit der Primaballerina Mathilde Kshessinsksa. Der nationalistisch-orthodoxen Kirche kommt das Gotteslästerung gleich. Sie hat den Zaren im Jahr 2000 samt seiner Familie wegen ihres Märtyrertods 1918 heiliggesprochen. Vorwürfe, die in ihrer Vehemenz in der westlichen Welt nur schwer nachzuvollziehen sind. Zumal sich der Film mit sehr viel Respekt diesem letzten Zaren widmet. Denn es geht nicht darum, einen Mythos zu zerstören, sondern die Zerrissenheit eines Menschen zu beschreiben, der in die falsche Position geboren wurde und der sich zwischen der leidenschaftlichen Liebe und einer respektvollen Vernunftehe entscheiden muss.

Lars Eidinger ist für diese Rolle ein Glücksfall. So hilflos und unglücklich dieser Zar durch sein Leben und nach dem plötzlichen Tod seines Vaters in die Regentschaft taumelt, so gefangen in sich und in seiner Rolle, so dürfte sich auch Eidinger in dem überwiegend russischen Cast und mit seinem rein phonetisch auf Russisch gelernten Text gefühlt haben. Man nimmt ihm diese Rolle des jungen Regenten, der sich letztlich den Konventionen unterwirft, ab, ebenso wie der polnischen Schauspielerin Michalina Olszanska die selbstbewusste und sich ihrer Wirkung sehr bewusste Mathilde. Sie becirct nicht nur Nikolaj, sie kämpft für ihre Besetzung im Staatsballett, tanzt sich dafür die Füße blutig und tanzt auch dann auf der Bühne mit blanker Brust weiter, nachdem ihr ihre Konkurrentin die Schleife ihres Korsetts gelöst hat. Das Funkeln in ihren Augen, der leicht hochmütige Blick verrät das Feuer, das in ihr brennt – für die Liebe zu Nikolaj ebenso wie für ihr selbstbestimmtes Leben. Denn auch sie spielt ihre Spielchen, wie auch Nikolaj seine Macht ausspielt und eigentlich jeder um ihn herum irgendeine Intrige spinnt.

Da bauschen die Röcke, flattern die Tutus, funkeln die Kristallleuchter mit dem Schmuck der Damen und den goldenen Vertäfelungen um die Wette. Alles ist opulent und von gewaltiger Wucht in diesem Film: die dramatische Bahnfahrt durch die winterliche Landschaft, bei der Zar Alexander III. (Sergey Garmash) schwer verletzt wird, die Liebesszenen, die Feste, die Ballettaufführungen, die arrangierte Hochzeit mit Prinzessin Alix von Hessen (Luise Wolfram), die im Desaster endende Feier für das Volk und vor allem die Gefühle. »Du hast auf alles ein Anrecht, nur nicht auf die Liebe« ist nur eines der pathetisch bis kitschigen Zitate, die im Laufe dieses Epos fallen.

Regisseur Uchitel wählt dafür eine konventionelle Erzählweise, setzt auf die Kraft der Geschichte und der Bilder und schafft damit großes Kinovergnügen für die breite Masse. Einen Skandal wollte er damit sicher nicht auslösen.

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