Kritik zu Marketa Lazarová

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František Vlácils Mittelalterdrama, ein lange Zeit vergessenes Meisterwerk der tschechischen Neuen Welle, kommt mit fast 50 Jahren Verspätung in unsere Kinos

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Mit Jaromil Jires' »Valerie – Eine Woche voller Wunder« hat das Label Bildstörung bereits vor ein paar Jahren eine hierzulande kaum bekannte Perle der Aufbruchs- und Experimentierzeit des tschechischen Films auf DVD veröffentlicht. Nun bringt Bildstörung ein weiteres Werk dieser Ära sogar in unsere Kinos: »Marketa Lazarová« ist ein mystisches, verstörendes Epos in hartem Schwarz-Weiß, das nach seiner Veröffentlichung im Jahr 1967 bald wieder von der Bildfläche verschwand und im Westen fast vergessen ist. In seiner Heimat wurde es in einer Kritikerumfrage 1998 zum »besten tschechischen Film aller Zeiten« gewählt.

Traumhaft-visionär taucht »Marketa Lazarová« tief in ein düsteres Mittelalter ein. In weiten Winterlandschaften, Wäldern und kargen, schmutzigen Burghöfen und Kammern spielt sich die Geschichte um eine Fehde zweier Räuberclans und die junge Marketa, Tochter eines der Räuber, ab. Verkörperung der Unschuld in einem Reigen aus Gier und Rache, soll sie in ein Kloster gehen, wird aber vom konkurrierenden Clan entführt und vergewaltigt, was eine tragische Wandlung ihres Charakters auslöst.

Marketa spielt in dieser »Rhapsodie« mit komplexem Plot und unübersichtlichem Personal allerdings fast eine Nebenrolle. Schon zu Beginn des Films erklärt die Erzählerstimme, dass seine Geschichte der Macht des Zufalls folgt, »aufs Geratewohl erzählt, um der Dichtung willen«. Die Ordnung suggerierenden Texttafeln sorgen oft noch für zusätzliche Verwirrung in dem an Zeitsprüngen und Visionen reichen Filmgebilde.

Es ist ein forderndes Werk, ein mehr als zweieinhalbstündiges Monstrum von einem Film, wenn man so will, doch in seiner Kompromisslosigkeit, seinem Reichtum an Formen und Motiven und seiner Bildgewalt ungemein faszinierend. Für seine Verfilmung von Vladislav Vancuras Roman, der wiederum auf Volksmärchen basiert, zog František Vláčil mit Cast und Crew für zwei Jahre in den Böhmerwald. Er wollte keinen Kostümschinken drehen, sondern eine vergangene Welt wiederauferstehen lassen, und das ist ihm gelungen.

Fremd und geheimnisvoll wirken die Bilder wie die Protagonisten dieses Films, ebenso die experimentierende Tongestaltung mit Echoeffekten und asynchronen Passagen. Während auf der Bildebene majestätische Tableaus mit wilder Handkamera wechseln, kombiniert die Musik von Zdenek Liska Chorgesang mit elektronischen Klängen. Derber, blutiger Naturalismus begegnet Mystik, heidnische Rituale kollidieren mit christlicher Symbolik, Action-Szenen mit lyrisch-verwunschenen Passagen. Manches erinnert an Tarkovsky oder auch Orson Welles, doch wenn die Erzählerstimme plötzlich ins Geschehen eingreift, sorgt sie sogar für Momente absurden Humors à la Monty Python. So wuchtig diese halluzinatorische Winterreise inszeniert ist, so offen ist sie für Interpretationen auf verschiedensten Ebenen. Zunächst aber ist »Marketa Lazarová«, vom tschechischen Filmarchiv brillant restauriert, eine außergewöhnliche ästhetische Erfahrung, die man unbedingt im Kino machen sollte.

Meinung zum Thema

Kommentare

Kein Zweifel, »Marketa Lazarová« ist eine echte Herausforderung. Dem Handlungsfaden zu folgen ist gar nicht einfach; bei manchen Szenen war ich mir nicht mal sicher: Ist das jetzt eine Rückblende? Vielleicht eine Traumsequenz? Auch die "experimentierende" Tongestaltung macht es dem Publikum nicht gerade leicht: Viel Hall bei den Dialogen; Dialoge und Bilder, die eigentlich nicht zusammen gehören; die Chormusik hat schon regelrecht im Ohr weh getan (der blecherne Klang ist vielleicht dem Alter des Film geschuldet). Puh, ich war regelrecht platt nach den 165 Minuten. Ich kann mich noch gut an den Film »Es ist schwer, ein Gott zu sein« errinnern: Wetten, dass Aleksei German »Marketa Lazarová« sehr gut kannte? ;-)

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