Kritik zu Mamacita

© Real Fiction Filmverleih

Ein Enkel erfüllt das der Großmutter gegebene Versprechen, nach absolviertem Regiestudium einen Film über sie zu drehen

Bewertung: 2
Leserbewertung
0
Noch keine Bewertungen vorhanden

Im Jahr 2013 zeigte der mexikanische Spielfilm »Workers« (R: José Luis Valle) in einer prägnanten Nebenrolle eine sehr reiche und reichlich aufgetakelte Dame, die mit ihren Bediensteten und Hündchen allein in einer riesigen mit Kitsch zugestellten Villa lebt. Jetzt kommt ein Dokumentarfilm, der wie ein Porträt der realen Vorlage zu dieser fiktiven Figur aussieht. Zwar ist das Anwesen von Carmen Maria Torrescano nicht ganz so pompös und liegt statt am Meer nur in einem vornehmen Stadtteil von Mexiko Stadt. Doch die Räume hinter den gestutzten Hecken sind auch hier mit Plunder aus aller Welt vollgestellt. Und mit einer Batterie an Stiften und Püderchen und Hilfe der Angestellten macht sich die Endneunzigerin jeden Tag aufwendig zurecht.

»Mamacita« wird die Dame von ihren dreiundzwanzig Enkeln genannt. Ihr Lieblingsenkel ist der Autor und Regisseur dieses Films. Als José Pablo Estrada Torrescano zum Regie-Studium nach Europa ging, nahm ihm die Großmutter das Versprechen ab, nach seiner Rückkehr einen Film über sie zu drehen, erzählt er zu Beginn. Er selbst war interessiert, etwas über die Patronin der Familie herauszufinden. »Mamacita« nun ist die Einlösung dieses Versprechens.

Der Dreh kann nicht leicht gewesen sein mit einer Frau, die keinen Widerspruch gegenüber ihren Launen duldet. »Ich glaube an Gott. Ich glaube an mich. Und das genügt«, sagt Mamacita. Außerdem ist sie besessen von körperlicher und mentaler Perfektion. Ihren Reichtum erwarb sie in den 60er Jahren mit einer Kette von Schönheitsstudios und Psycho-Gruppen, die sie mit nicht immer ganz sauberen Mitteln später gemeinsam mit ihren Töchtern betrieb.

Auch dem Enkel gegenüber erweist sie sich als übergriffig (und er wehrt sich nicht). Die Wuschelfrisur wird erst mit Pomade und dann mit der Schere des Hausfriseurs in Facon gebracht. Schon beim tränenreichen Vorgespräch über Skype aus Deutschland wird klar, dass José Pablo ein verlängertes Sprachrohr der Oma sein soll. Der nimmt diese Rolle nicht nur brav an. Er treibt sie auch bis zum emotionalen Exzess in einem theatralisch therapeutischen Experiment, das hier nicht näher geschildert werden soll.

Der Film entfaltet sich von der Anreise des Enkels über die Begegnungen mit der Großmutter und anderen Verwandten zur düsteren Geschichte einer von Lieblosigkeit, Gewalt und Einsamkeit geprägten Kindheit. Es waren diese Erfahrungen, die Carmen zu der toughen Kämpferin machten, die sie ist, suggerieren sie selbst und der Film, der sie nun aus diesem Leiden erlösen soll. Privat mag so ein Handel ja gehen. Als Rechtfertigung gegenüber einem Publikum reicht solche Gefälligkeit nicht. Mit einmontierten Firmen-Videos aus den 80ern und Einblicken in den Lebensalltag der städtischen Oberschicht gibt »Mamacita« zwar immer wieder auch ein interessantes Sittenbild. Für die sozialen Verhältnisse im Hause selbst scheint der Filmemacher aber blind zu sein. Vor allem aber bleibt die höchst problematische Grundsituation des »Auftragsfilms«, aus der sich der Enkel als guter Junge bis zum allzu runden Ende nicht befreien kann.

Meinung zum Thema

Kommentare

Danke für die an sich gelungene Beschreibung des Filmes - die Schlussfolgerungen muss man sich ja glücklicherweise nicht zu eigen machen. Etwas mehr insight in das Leben und die Strukturen vor Ort wäre an der Stelle möglicherweise hilfreich gewesen. Die sog. sozialen Verhältnisse "zu Hause", denen gegenüber der Filmemacher Blind gewesen sein soll, sind in Lateinamerika Legion und gerade nicht Thema dieses Filmes.

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns