Kritik zu Männer al dente

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In Ferzan Özpeteks Komödie will ein Sohn aus wohlhabender Nudelfabrikantenfamilie endlich das Coming-out wagen – landet aber statt dessen in der Zwangsrolle des guten, normalen Sohns, was sich als Erfahrung der besonderen Art erweist

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Auch auf einen Familienskandal kann man sich freuen, vor allem wenn man vorhat, ihn selbst auszulösen. Genüsslich beschreibt der in seine Heimatstadt zurückgekehrte Tommaso (Riccardo Scamarcio) sein Vorhaben dem eigenen Bruder Antonio (Alessandro Preziosi): Er möchte das morgige Essen, mit dem ihr Vater im Beisein von Kooperationspartnern und Großfamilie die formelle Übergabe seines Geschäfts an seine zwei Söhne feiern will, für sein Coming-out nützen. Es soll ein Befreiungsschlag werden: sich endlich vor allen zu seinen Neigungen bekennen, zu seiner Homosexualität genauso wie zur Tatsache, dass er in Rom nicht etwa Betriebswirtschaft, sondern Literatur studiert. Der Vater, so Tommasos Vorstellung, sei daraufhin sicher so schockiert und beleidigt, dass er ihn augenblicklich hinauswerfe und enterbe. »Und was soll ich machen?«, fragt ihn der Bruder, der brav vor Ort geblieben ist und seit Jahren schon dem Vater bei der Geschäftsführung assistiert. »Du kriegst meinen Anteil!«, antwortet Tommaso leichthin.

Dass Antonio die Frage vielleicht ganz anders gemeint haben könnte, wird Tommaso erst begreifen, als es zu spät ist. Als er sich nämlich am nächsten Tag zu seiner Ansprache erheben will, steht eilig sein Bruder auf – und kommt ihm mit einem eigenen Coming-out zuvor. Der Rest läuft ganz ähnlich wie von Tommaso vorhergedacht, nur eben mit ihm an der falschen Stelle: Alle sind schockiert, der Vater verstößt und enterbt den schwulen Sohn, dessen Anteile prompt an den verbleibenden, scheinbar »normalen« übergehen. Was Tommaso nicht vorhergesehen hat: dem Vater (Ennio Fantastichini) geht das Ganze so sehr zu Herzen, dass er einen Infarkt erleidet. Ein weiteres Coming-out könnte ihn das Leben kosten, weshalb sich der Druck auf Tommaso, weiter den »normalen« Sohn zu spielen, zusätzlich erhöht.

Das Drehbuch, zu dem sich Ferzan Özpetek von einer wahren Geschichte hat inspirieren lassen, bietet eine Steilvorlage für Scherze von gewöhnlicher und ungewöhnlicher Art, und das Schöne ist, dass sich Özpetek in der Mehrheit für die ungewöhnlicheren, leiseren entschieden hat. Für Tommaso wird das erzwungene »Straight«-Sein nämlich schon bald weniger zur Belastung, als es ihm den Zugang zu neuen Erfahrungen öffnet. Fast ist es so, als ob er mit falscher Identität das eigene Leben ausspioniert: Was die Schwester, der Schwager, Vater, Mutter und Großmutter nun über Antonio sagen, hätten sie in ähnlicher Form auch über ihn gesagt. Sie alle wähnen sich nun klüger und tragen Beobachtungen zusammen, an denen sie Antonios Homosexualität im Nachhinein zu erkennen glauben. Und einzig Tommaso weiß, wie blind sie noch immer sind.

Das Schöne an Özpeteks hervorragend besetzter, aber ansonsten recht konventionell inszenierter Komödie ist, dass hier keine Seiten gegeneinander ausgespielt werden, Wissende und Unwissende, straight und schwul, sondern dass das Chaos der Gefühle regiert, und das, so wird hier auf berührende Weise belegt, weit über die Grenzen der abgesteckten sexuellen Identitäten hinaus.

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