Kritik zu Madboy

© Henrik Peschel

2008
Original-Titel: 
Madboy
Filmstart in Deutschland: 
23.07.2009
L: 
75 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Raus aus der Gesellschaft und rein in den Rock: Wie man ohne Geld glücklich sein und auch noch gute Filme drehen kann, beweist dieses Hamburger No-Budget-Werk über einen Jungbauern, der vom Durchbruch als Musiker träumt

Bewertung: 4
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Im Zentrum des Films von Regisseur Henrik Peschel steht der norddeutsche Jungbauer Schäffke (Hector Kirschtal), der davon träumt, mit seiner Hardcore-Band Madboy endlich den großen Durchbruch zu schaffen. Leider haben sie von der 5.000er-Auflage ihrer ersten CD nur ein einziges Exemplar verkauft, und ihre Tour durch Deutschland wird kurzerhand von der erfolgreicheren Band Grauwald aus Kiel übernommen. Schäffke hat die Nase erst mal voll von der Provinz und macht sich auf den Weg nach Hamburg.

Wie in seiner inzwischen Kult gewordenen »Rollo Aller«-Reihe erzählt Henrik Peschel in seinem ersten abendfüllenden Spielfilm von Lebenskünstlern mit großer Schnauze, die vom großen Durch- und Aufbruch Aufbruch träumen. Oder um es mit den Worten einer Figur aus »Rollo Aller« zu sagen: Sie wollen »raus aus der Gesellschaft und rein in den Rock«. Schäffke schafft es mit seiner Gitarre immerhin nach Hamburg-Wilhelmsburg zu seinem Kumpel Jakobus (Jakobus Siebels), der seine nicht existenten Einkünfte als Maler mit Gelegenheitsdiebstählen und dem Geld seiner Untermieterin Nina (Nina Schwabe), einer BWL-Studentin aus Dortmund, aufbessert.

Parallel zu der Geschichte von der Freundschaft dieser drei unterschiedlichen Figuren erzählt Madboy eine Gangsterstory aus der Wilhelmsburger Unterwelt, in der es um 40 geklaute Rolex-Submariner-Uhren geht, hinter denen ein Haufen schwerer Jungs her ist. Diese besetzte Peschel mit echten Hamburger Türstehern und Kampfsportlern, die in einer sehr schönen Szene zeigen, dass man auch mit Gurken und Melonen einen Gegner kampfunfähig machen kann. Am Ende werden Schäffke und Jakobus die Uhren finden, doch wie alles in diesem Film ist dieser Triumph nur von kurzer Dauer und das Leben am Existenzminimum geht weiter.

»Madboy« ist ein leichter und offener Film, der ein bisschen vom Verbrechen erzählt und ein bisschen von der Liebe, vor allem aber ist er ein Film über die Kunst, sich trotz finanzieller Dauerkrise nicht unterkriegen zu lassen. Peschel beobachtet sehr genau die Armut seiner Figuren, Hunger und Geldmangel sind häufige Gesprächsthemen, Kriminalität ist eine permanente Option, und Schäffkes Versuch, als Tagelöhner Geld zu verdienen, endet mit einer blutigen Nase. Doch trotz aller Härten erscheinen die Figuren in Madboy nie verzweifelt oder desillusioniert, im Gegenteil, der akute Geldmangel wirkt geradezu wie eine Bedingung ihrer Freiheit, die Dinge zu tun, die sie lieben, und mit den Menschen zusammen zu sein, die ihre Haltung zur Welt teilen.

»Madboy« selbst ist aus dieser Haltung auf den Straßen von Wilhelmsburg entstanden, er hat so gut wie kein Geld gekostet, fast sämtliche Darsteller sind Laien, zum sehr schönen Soundtrack haben bekannte Musiker und Bands wie Tocotronic und Frank Spilker Stücke beigesteuert. Mit demselben Idealismus und Hunger, mit dem seine Figuren aus ein paar alten Paprika auf einem Campingkocher ein leckeres Ratatouille zubereiten, ist Henrik Peschel aus diesen Zutaten ein ganz und gar zeitgenössischer und gewitzter Film gelungen

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