Kritik zu Lost River

© Tiberius

Sichtlich von David Lynch inspiriert, schlägt Ryan Gosling in seinem im letzten Jahr in Cannes noch ausgebuhten Regiedebüt doch einen ganz eigenen Weg ein. Das Fantastische wird bei ihm eine Spielart des Agitpropkinos, das vom krisengeschüttelten Amerika des 21. Jahrhunderts handelt

Bewertung: 4
Leserbewertung
3.25
3.3 (Stimmen: 4)

Feuer und Wasser, immer wieder. Die beiden Elemente, die sich keinesfalls zu nahe kommen dürfen, aber einander dennoch verbunden sind. Feuer, das ist der Gangster und Sadist Bully (Matt Smith), der in seinem Cadillac-Cabrio unablässig durch die Straßen einer verfallenden Stadt cruist. Ein König in einem Reich, das längst schon abgebrannt ist. Wasser, das ist der Teenager und Träumer Bones (Iain De Caestecker), der sich auf der Suche nach Kupferdrähten durch die Lücken in den Zäunen zwängt und durch eingeschlagene Fenster klettert. Ein Ritter im dreckigen weißen T-Shirt, der niemandem mehr helfen kann.

Eigentlich will Bones nur seine Mutter Billy (Christina Hendricks) unterstützen. Sie hat keinen Job mehr und ist mit den Raten für die Hypothek auf ihr Haus in Verzug geraten. Nicht mehr lange, und ihr und ihren beiden Söhnen droht die Zwangsräumung. Also streift der Teenager rastlos durch die Ruinen seiner Stadt, stemmt Wände auf und nimmt alles mit, was er an einen Schrotthändler verkaufen kann. Doch die dem Verfall überlassenen Fabriken und Schulgebäude sind Bullys Territorium. Und dessen Zorn kennt keine Grenzen.

Mit glühenden Worten und flammendem Schwert kommt Bully über Bones. Ein Engel der Hölle, der zunächst einmal das Fahrrad des Jungen anzündet. Später wird dann das Haus von Bones’ Freundin Rat (Saoirse Ronan) in einem Flammenmeer untergehen. Das Feuer holt sich, was es verzehren kann, während es Bones immer wieder an den Stausee zieht, den er auf der Flucht vor Bully entdeckt hat. Eine Allee von alten Straßenlaternen führt mitten ins Wasser. Die Straße, die sie einst erleuchtet haben, ist längst verschwunden, von Wildnis überwuchert und von Wasser verschluckt.

Die Werke der Menschen haben keinen Bestand mehr im postindustriellen Zeitalter. Alles reduziert sich auf virtuelle Zahlen. Und die sind es, die Billy nach und nach die Luft abschnüren. Einst hatte ihre Bank sie regelrecht dazu gedrängt, eine neue Hypothek auf das Haus ihrer Kindheit aufzunehmen. Nun sind die Zinsen so hoch, dass sie ihr Heim verlieren wird. Also macht ihr Dave (Ben Mendelsohn), der neue Manager der Bank, ein Angebot. Tagsüber jongliert er mit Zahlen, nachts herrscht er über einen bizarren Club, in dem Frauen sadomasochistische Fantasien auf der Bühne ausleben: Bloodtease.

Der Verfall der Städte auf der einen Seite und das stete Zirkulieren des Geldes im digitalen Raum auf der anderen schaffen neue Sehnsuchtsräume und verschärfen zugleich die alten Abhängigkeiten. Der Körper als letzte Ware, die den Abgehängten noch geblieben ist. Auch in Daves Club ist letzten Endes alles virtuell. Ein Spiel mit verbotenen Träumen und dunklen Obsessionen. Nichts als Show und Illusion, das Kunstblut wie die Schnitte, mit denen sich Billy einmal das Gesicht vom Kopf zieht. Aber im Moment der Performance wird das Spiel real und eine letzte Grenze erreicht. Wer noch weitergehen will, würde zwangsläufig zum Mörder. Aber das ist in Daves Kosmos auch gar nicht mehr notwendig. Die Sensationen, die der Club bietet, sind echt und haben dennoch keinerlei Konsequenzen für das Publikum.

Erinnerungen an David Lynchs Filme schwingen fortwährend mit in Ryan Goslings Lost River. Der Nachtclub aus Blue Velvet, die Teenager aus Twin Peaks und die bedrohliche Atmosphäre von Lost Highway, in der etwas nicht Greifbares lauert – die Reihe der Verknüpfungen und Verweise ließe sich noch weiter fortsetzen. Aber letztlich schlägt Gosling mit seinem Regiedebüt doch einen ganz eigenen Weg ein. Das Fantastische ist bei ihm vor allem eine Spielart des Agitpropkinos. Anders als Lynch und Nicolas Winding Refn, der in Only God Forgives die Wirklichkeit so weit überzeichnet hat, dass nichts mehr von ihr übrig blieb, verankert Gosling seine surrealen Fantasien unverkennbar im Amerika des frühen 21. Jahrhunderts. Ohne die große Hypothekenkrise und den rasanten Niedergang einer einstmals blühenden Industriestadt wie Detroit wäre Lost River so kaum vorstellbar.

Allerdings fließen Wirklichkeit und Märchen in Goslings Regieerstling, einem beinahe schon klassischen film maudit, keineswegs zusammen. Ihr Verhältnis ist eher das von Wasser und brennendem Öl. Unter den wild züngelnden Flammen einer von Schreckensbildern und Schmerzensfantasien erfüllten Höllenvision liegt das beinahe schon dokumentarische Porträt einer kaputten Industrieregion. Und vielleicht musste Gosling die Bilder tatsächlich erst einmal in Brand setzen, um auf den Grund der Welt von heute zu gelangen . . . Die Nacht des Jägers für das 21. Jahrhundert.

Zudem lässt sich das Detroit der leerstehenden Wohnhäuser und Fabrikhallen, in dem Gosling und sein Kameramann Benoît Debie gedreht haben, vielleicht tatsächlich nur noch mit den Mitteln des Genrekinos fassen. Das deutete sich schon in Jim Jarmuschs elegischem Vampirfilm Only Lovers Left Alive an. Dessen nächtliche Fahrten durch die Ruinen des amerikanischen Traums von Wohlstand und Mobilität erzählten von einem leisen Untergang, von einem Ende, das nicht von einem Knall, sondern einem Wimmern begleitet wird. In Debies von Sonnenlicht durchfluteten Aufnahmen hallt dagegen ein immer noch markerschütterndes Tosen nach. Es war eben doch eine Explosion, wenn auch eine der Kosten und Zinsen, die Billys Nachbarschaft in eine Geisterstadt verwandelt hat.

Gosling empfindet im Gegensatz zu Jarmusch zwar eher Wut als Trauer. Aber trotzdem werden einen nicht nur die Bilder von Iain De Caestecker, an dem sein brennendes Fahrrad vorbeizieht, oder von Christina Hendricks, die sich selbst ihr Gesicht raubt, fortan verfolgen. Auch die improvisierten, quasi-dokumentarischen Szenen, die Gosling mit den Menschen vor Ort gedreht hat, bleiben auf ihre stille, verzweifelte Art unvergesslich. Wenn ein alter Mann all seine Sachen packt und das Haus, in dem er nahezu sein ganzes Leben verbracht hat, verlässt, weil es einfach keine Zukunft mehr gibt, dann halten sich Melancholie und Zorn für einen Moment die Waage.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns