Kritik zu Only God Forgives

© Tiberius Film

2013
Original-Titel: 
Only God Forgives
Filmstart in Deutschland: 
18.07.2013
Musik: 
L: 
90 Min
FSK: 
16

Mit Sicherheit einer der umstrittensten Filme des Jahres: Nicolas Winding Refns neues Werk ist ein Trip in finsterste Abgründe der Gewalt – oder doch nur ins flache Land der Prätention?

Bewertung: 3
Leserbewertung
4
4 (Stimmen: 3)

In diesem Film, der an perfekt komponierten, kunstvoll ausgeleuchteten Einstellungen so überreich ist, vermag nur selten ein Bild wirklich zu berühren. Vielleicht dieses eine gegen Ende, als ein Killer ein kleines Mädchen töten will: Er hat schon seine Waffe auf sie gerichtet – und wird dann selbst von hinten erschossen. Die Kleine blickt mit weit aufgerissenen Augen in die Kamera, sie selbst wie die Wand hinter ihr von Blutspritzern übersät, ein in Schockstarre verharrendes Unschuldswesen in einer Welt der Gewalt.

Zu Empathie lädt Only God Forgives ansonsten kaum ein. Er verweigert die Identifikation mit seinen Hauptfiguren, die wie seelenlose Hüllen in Zeitlupe durch das rote oder blaue Neonlicht von Bangkoks Unterwelt wandeln, voller bedeutungsschwerer Blicke in ansonsten ausdruckslosen Gesichtern, in einer minimalen Geschichte, die besser als Konstellation zu beschreiben ist.

Da ist Julian (Ryan Gosling), der mit seinem älteren Bruder Billy (Tom Burke) im Rotlichtmilieu einen Kickbox-Club und allerhand Kriminelles betreibt; und da ist Chang (Vithaya Pansringarm), ein Polizist, der auf den Plan tritt, als Billy ein junges Thai-Mädchen bestialisch ermordet, und der dann mit Hilfe seines stets mitgeführten Schwerts die Rolle eines Racheengels einnimmt. Dann reist Crystal (Kristin Scott Thomas) an, Julians und Billys Mutter, und bringt den »Plot« erst richtig in Gang: eine Abfolge wechselseitiger blutiger Racheakte, ein Fiebertraum voller mythischer Überhöhungen und halluzinatorischer Farbräusche, düster-dräuend, hyperstilisiert, angetrieben vom Wabern und Pulsieren des Scores von Cliff Martinez, der bereits Drive so viel Atmosphäre verlieh, ein Totentanz in grandios gestalteten Rotlichtinterieurs – doch erzählerisch´so ausgefranst und absichtsvoll zerdehnt, dass seine 90 Minuten doch eher narkotisch denn hypnotisch wirken.

Während Ryan Gosling als Julian und Vithaya Pansringarm als Chang keine Charaktere,sondern Chiffren sind, darf wenigstens Kristin Scott Thomas ihrer Figur Leben einhauchen: Als Crystal ist sie ein unsäglich vulgäres Muttermonster in Blond und Pink, das von seiner »sehr besonderen« Beziehung zum Erstgeborenen Billy schwärmt und Julian permanent erniedrigt, etwa indem sie zwischen ihm und dem großen Bruder einen verbalen »Schwanzvergleich« anbringt.

Crystals offensive Camp-Attitüde bleibt Randnotiz. Die Blicke, die Gesten, die Verstümmelungen, die an Lynch erinnernden eleganten Kamerafahrten durch düstere Gänge – alles dünstet vor heiligem Ernst. Und gerade deshalb verrutscht Only God Forgives so häufig ins unfreiwillig Komische. Julian, diese gefürchtete Größe der Bangkoker Unterwelt, gibt sich Crystal gegenüber wie ein folgsames Hündchen und spricht Sätze à la »Meine Mutter hat aber gesagt...«. Das seelische Inventar dieses Ödipus deutet Phantasien an, in denen es nur leicht verklausuliert um Kastration und die selige Rückkehr in den Mutterschoß geht. Der Rachegott Chang ist der grausame Übervater, das Pendant zur Monstermutter. Als enigmatisches Zentrum des Films schwingt er bereits sein mächtiges Schwert... Also nur neurotisch-prätentiöser Firlefanz um eine freudsche Kleinfamilie, die derart unter Dampf steht, dass ihre Konflikte sich in blutiger Gewalt entladen? Boshaft könnte man sagen: Only God Forgives ist ein Muttersöhnchendrama mit wenig Substanz, kommt aber so breitbeinig daher, als halte es sich für den neuen Superschwergewichts- Weltmeister der Filmkunst.

Doch hat Winding Refn nicht vollkommen recht, wenn er als die zwei großen Feinde der Kreativität den guten Geschmack und die Vorsicht bezeichnet? Man muss ihm lassen dass er auch nach dem Erfolg von Drive alle Rücksicht auf Publikumserwartungen und kommerziellen Erfolg außen vor lässt und mit rückhaltloser Konsequenz seine Vision verfolgt, mag sie auch noch so heftige Ablehnung provozieren. Only God Forgives ist ein kühnes Werk, vielleicht zynisch in seiner Lust am blutigen Exzess, vielleicht leer in seiner großen Geste, lächerlich in seinem Ernst. Doch gerade sein Scheitern ist faszinierend, weil es sich genau an jener Grenze abspielt, wo der Kunstwille zur Kasperei wird. Und darin erweist er sich als ganz unverhoffter Verwandter von Malicks To the Wonder.

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