Kritik zu Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger

© 20th Century Fox

2012
Original-Titel: 
Life of Pi
Filmstart in Deutschland: 
26.12.2012
L: 
125 Min
FSK: 
12

Ang Lee hat den Erfolgsroman von Yann Martel fürs Kino umgesetzt – als visuell opulentes 3D-Spektakel und zugleich als besinnlich- spirituelle Literaturverfilmung

Bewertung: 5
Leserbewertung
4
4 (Stimmen: 1)

Schon wieder eine neue Überraschung im Werk des weltläufigen, weltenkreuzenden Taiwanesen Ang Lee, jedenfalls auf den ersten Blick: Nachdem er in Taking Woodstock das amerikanische Musikfestivalheiligtum durch die familiäre Hintertür betrachtete, jetzt also eine spirituelle Sinnsuche auf einem Rettungsboot, eine Schiffbruchsüberlebensgeschichte. Und weil Yann Martels Roman in weiten Teilen auf engstem Raum mit einem wilden bengalischen Tiger spielt, galt er als unverfilmbar. Genau diese Konstellation wurde zur Herausforderung für einen Regisseur, der immer wieder aufs Neue das Fremde, Wilde, Unbezähmbare sucht, sei es in der britischen Klassengesellschaft in Sinn und Sinnlichkeit, im kanadischen Winter von Der Eissturm, im amerikanischen Bürgerkrieg in Ride with the Devil, in den chinesischen Martial Arts von Tiger and Dragon, im Angesicht eines grünen Comicmonsters in Hulk, in einer schwulen Cowboy-Liebesgeschichte in Brokeback Mountain. Im Grunde ist die Geschichte eines Jungen in einem Boot mitten in der Weite des Pazifischen Ozeans, mitten im riesigen Universum, der ultimative Ang- Lee-Stoff. Eine intime Selbsterfahrung in der großen weiten Welt, mit allen unwägbaren Ingredienzien, die andere Filmemacher das Fürchten lehren: jede Menge Wasser, Kinder und Tiere. Zudem betrat er auch noch auf der technischen Ebene Neuland, drehte Life of Pi – Schiffbruch mit Tiger in 3D und setzte sich zum ersten Mal intensiv mit den Möglichkeiten der dreidimensionalen Wahrnehmung im Kino auseinander. »In gewisser Weise ist das so, als würde auch ich dem Tiger Richard Parker gegenüberstehen«, sagt Ang Lee.

Nun also ein Tête-à-Tête mit einem wilden Tiger, und das darf man tatsächlich wörtlich nehmen in diesem erstaunlichen Film, denn während seine Kollegen die moderne 3D-Technik vor allem für fantastische und animierte Abenteuer und Fantasien einsetzen, benutzt Ang Lee sie, um eine nie gekannte Nähe zur Wirklichkeit herzustellen, um die Distanz zwischen seinem gebeutelten Helden und den Zuschauern nahezu aufzuheben. Statt die Bilder eines Tigers zu sehen, macht man die Erfahrung, in der Nähe des Tigers zu sein. Statt schöne Prospekte zu betrachten, erlebt man atemraubende Naturschauspiele, im prasselnden Regen eines Unwetters, inmitten einer spiegelglatten goldfarbenen Wasserfläche, unter bizarren Wolkenformationen, Lichtspielen oder nachtschwarzem Sternenhimmel, in einem Schwarm fliegender Fische oder im Angesicht eines monströsen Wals. Ganz unmittelbar und direkt wird man in die Wahrnehmung eines siebzehnjährigen Inders gezogen, der von dem Schauspiellaien Suraj Sharma in ebenso eindrucksvoller wie subtiler Intensität gespielt wird.

Doch dann, wie um zu verhindern, dass man sich in der überwältigenden Präsenz dieser Erfahrungen verliert, baut Ang Lee Brechungen ein, thematisiert zusammen mit der Buchvorlage den Prozess des Erzählens, das fragile Verhältnis von Realität und Fiktion, und damit auch seine eigene Existenz als Geschichtenerzähler. Immer wenn man fast vergessen hat, dass man im Kino sitzt, reißt Ang Lee dem Zuschauer den Teppich der Illusionen unvermittelt weg, um ihn unsanft mit einer Rahmenhandlung zu konfrontieren, in der der erwachsene Pi (Irrfan Khan) einem jungen Schriftsteller (Rafe Spall) in seiner kanadischen Küche von seinen Seenotabenteuern erzählt. Im Wechselbad von unmittelbarer Wirklichkeit und erzählerischer Reflexion geht es schnell auch um die Sehnsucht nach einem Glauben, die Ang Lee ebenso antreibt. Nachdem der Junge auf dem Land in seiner indischen Heimat zwischen Hinduismus, Islam und Christentum vergeblich nach Glaubenssicherheiten suchte, findet er spirituellen Trost zu Wasser im Laufe seiner existentiellen Reise. Ang Lee, der sich durchaus mit dem Jungen identifiziert, der so verzweifelt nach etwas sucht, an das er glauben kann, ist da weniger zuversichtlich. Für ihn liegt der Trost nicht im Glauben an ein höheres Wesen, sondern in der Imaginationskraft des Kinos, in der Lust des Geschichtenerfindens und Erzählens.

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