Kritik zu Liebe auf den ersten Schlag

Trailer OmeU © Verleih

Er erwartet nichts, sie bereitet sich auf das Schlimmste vor: Der französische Filmemacher Thomas Cailley gewann mit seinem Spielfilmdebüt über eine etwas andere Liebesgeschichte in Cannes 2014 in der »Woche der Kritik« gleich vier Preise

Bewertung: 4
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4 (Stimmen: 2)

Die Aussichten sind ziemlich düster. Von den Teenagern und den Anfang Zwanzigjährigen weiß kaum jemand, wie es weitergehen soll. Noch ist Sommer, wer denkt an einem Nachmittag am See schon an die Zukunft. Aber unter der Oberfläche schwelt ein namenloses Unbehagen, eine Angst, die einfach nicht verschwinden will. Arnaud flüchtet sich vor ihr in die Arbeit. Sein älterer Bruder Manu kann im Familienbetrieb jede Hilfe gebrauchen.

Das Wortspiel im deutschen Verleihtitel von Thomas Cailleys Spielfilmdebüt, Liebe auf den ersten Schlag, hat etwas Irreführendes. Natürlich erzählt der Film auch eine Liebesgeschichte. Doch die entwickelt sich nur ganz langsam. In den Zeiten der Unsicherheit und Furcht kann Liebe zwar Rettung bedeuten. Aber sie ist auch eine Überwindung. Wer liebt, muss auch mal Schwäche zeigen, und damit hat Madeleine (Adèle Haenel) ein enormes Problem. Bei ihrer ersten Begegnung mit Arnaud (Kévin Azaïs), einem spielerischen Zweikampf, der von Anwerbern der französischen Armee veranstaltet wird, ringt Madeleine ihn ohne Umschweife nieder. Verlieren ist keine Option. Ein paar Tage später treffen sich die beiden zufällig wieder. Arnaud ist sichtlich fasziniert von der jungen Frau, die unbedingt zur härtesten Einheit der Armee, den Fallschirmspringern, will, und folgt ihr schließlich sogar in ein Ferientrainingscamp des Militärs.

Die Furcht vor dem Ende der Welt, wie wir sie kennen, ist allgegenwärtig in Liebe auf den ersten Schlag. Madeleine scheint geradezu besessen von Untergangsfantasien zu sein und bereitet sich mit äußerster Härte gegen sich selbst auf eine postapokalyptische Zukunft vor. Und ganz von der Hand zu weisen sind die Ängste dieser verstörten Zwanzigjährigen nicht. Die Medien sind schließlich voll von Schreckensmeldungen. Einmal ist im Hintergrund eine Radionachricht über den Exportüberschuss der Deutschen und die wirtschaftlichen Probleme Frankreichs zu hören. Ein anderes Mal läuft im Fernsehen eine Dokumentation über das Überleben in der Wüste, in der ganz genau beschrieben wird, wie man den Kadaver eines Kamels in einen Schutzraum vor Sandstürmen verwandeln kann.

Diese fast schon morbide Seite des Films gipfelt in einem Waldbrand, der zum Inferno wird. Für Momente scheinen Madeleines Weissagungen Wahrheit zu werden. Cailleys poetische Bilder nehmen unterdessen der Apokalypse ihren Schrecken. So halten sich Grauen und Schönheit auf faszinierende Weise die Waage. Aber eins ist ohne das andere sowieso nicht zu haben. Davon zeugt auch Adèle Haenels Spiel.

Auf der einen Seite hat Madeleine etwas Furchterregendes an sich. Ihr Überlebensdenken trägt zum Teil soziopathische Züge, die sich in Haenels extremer körperlicher Anspannung offenbaren. Etwas in ihr scheint immer kurz vor dem Ausbruch zu stehen. Auf der anderen Seite wirkt Haenels Madeleine noch sehr kindlich. Wenn sie an einer Autobahnraststätte ausgelassen mit einem fremden Hund spielt, weiß man genau, warum Arnaud sie unbedingt beschützen will.

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