Kritik zu La Pirogue

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Afrikanische Bootsflüchtlinge werden hier nur noch wahrgenommen, wenn sie in größerer Zahl tot an europäischen Küsten stranden. Moussa Touré erzählt von Menschen, die dieses Risiko auf sich nehmen

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Über 30.000 Afrikaner haben in den letzten Jahren die Flucht aus dem Senegal per Boot in Richtung Kanarische Inseln gewagt. Die Flucht in den »Pirogen«, vergrößerten Einbäumen, hat, so heißt es im Nachspann des Films, allein zwischen 2005 und 2010 über 5000 Menschen das Leben gekostet.

Moussa Touré geht es in seinem dritten Spielfilm nicht um die politischen Umstände, die den Menschen ihre Lage unerträglich erscheinen lassen. Jugendliche Coolness mit westlichen Konsumaccessoires, iPhone inklusive, neben animistischen Beschwörungsritualen: Die Eingangssequenz von La Pirogue erscheint eher wie eine fröhliche Demonstration der kulturellen und ethnischen Diversität dieses Landes. Am Rande eines Ringerwettkampfs macht Touré den Zuschauer mit seinen Protagonisten bekannt. Die Männer eines Bergstammes wollen in Spanien auf den Feldern Geld verdienen, ein junger Mann träumt von einer Karriere als Fußballer, ein anderer will in Paris als Musiker groß herauskommen, ein Amputierter hofft, irgendwo eine Prothese zu finden. Touré gibt den Menschen, die hierzulande nur als anonyme Flüchtlingswelle und Bedrohung des westlichen Wohlstands wahrgenommen werden, ein Gesicht.

Wie schon in seinem letzten Spielfilm TGV-Express (epd Film 5/1999) überzeugt Tourés Inszenierung dort, wo er sich dieser Vielfalt widmet, etwa wenn er – auch mit komödiantischen Mitteln – zeigt, wie kompliziert die Verständigung in diesem multilingualen Teil Afrikas ist. Bilder von der Weite des Meeres und der klaustrophobischen Enge auf dem Boot, wo sich 30 Männer und eine Frau zusammendrängen, erzeugen einen wirkungsvollen Kontrast von Intimität und Verlorenheit. Als die Piroge ein gekentertes Flüchtlingsschiff passiert, dessen Überlebende verzweifelt um Hilfe bitten, verdichten sich die Bilder zu einer Metapher existenziellen Ausgeliefertseins.

Dennoch wirkt La Pirogue über weite Strecken dramaturgisch unentschlossen. Der erzählerische Rhythmus kommt ins Stocken, als das Boot in See sticht. Touré findet wenig filmische Mittel, um das zähe Vergehen der Zeit – sieben Tage soll die Reise dauern – und die zunehmende Agonie an Bord zu illustrieren. Er bedient sich daher eines vorhersehbaren Katastrophenszenarios, um die fast einstündige filmische Sequenz zu strukturieren: Immer wieder gibt es Konflikte zwischen den Passagieren, der Proviant wird knapp, ein Unwetter spült Menschen über Bord, Motorschaden, bis der Kahn schließlich steuerlos auf dem Atlantik dümpelt. Erst gegen Ende findet der Film wieder zu der Beiläufigkeit der Erzählung zurück, die ihn zu Anfang auszeichnete. Der Kreis der Flucht schließt sich, der Rettung durch das spanische Rote Kreuz folgt die Abschiebung, das Scheitern des Unternehmens. Es bleibt nur das Souvenir, das Baye Laye seinem kleinen Sohn mitbringt – eine schöne, aber bittere Schlusspointe.

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