Kritik zu Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel

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2012
Original-Titel: 
Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel
Filmstart in Deutschland: 
08.08.2013
L: 
90 Min
FSK: 
6

Ritter ohne Kokosnuss: In Aron Lehmanns Regiedebüt verfilmt ein deutscher Jungregisseur Kleists Selbstjustizgeschichte als No-Buget-Produktion. Anspruch und Wirklichkeit liegen dabei leider weit auseinander

Bewertung: 2
Leserbewertung
2
2 (Stimmen: 1)

Vielleicht ist es ja gar keine so abwegige Idee, den Kleistschen »Michael Kohlhaas« noch einmal zu verfilmen, auch wenn einst Volker Schlöndorff eine Bauchlandung damit erlebte. Im September kommt rein zufällig genau jene französische Großproduktion mit Mads Mikkelsen in die Kinos, von der dieser kleine deutsche Film träumt. ZDF und Arte haben dazu viel Geld beigesteuert; gleiches ist Aron Lehmann und seinem als Figur im Film agierenden erfundenen Namensvetter und Regisseurskollegen für ihren jeweiligen Kohlhaas nicht widerfahren: Beide müssen Kleists Widerstandsnovelle mit so wenig Geld realisieren, dass man eher von No- als von Low-Budget sprechen darf.

Dem fiktiven Lehmann (Robert Gwisdek) geht der sicher geglaubte Etat nach dem ersten Drehtag flöten. Das Projekt fällt in sich zusammen, Pferde und Requisiten werden abgeholt, große Teile von Cast und Crew nehmen Reißaus. Doch der Filmemacher hat eine Eingebung: Er beschwört das verbliebene Mitstreiterhäuflein, den Film trotzdem zu drehen, ohne Geld zwar, dafür aber mit Leidenschaft und Fantasie. Was nicht vorhanden sei an konkreten Dingen, das müsse eben ersetzt werden durch Illusionen. Auch wenn sein Hauptdarsteller (Jan Messutat) erst ein wenig zickt – mit seinem Enthusiasmus steckt Lehmann das Restensemble an und gewinnt auch Bürgermeister und Bewohner einer verschlafenen bayerischen Gemeinde als Sponsoren.

Dem echten Aron Lehmann wird es in vielerlei Hinsicht ähnlich ergangen sein. Auch er hätte vermutlich lieber das opulente Historiengemälde erschaffen, das die erste Einstellung des Films erahnen lässt, musste aber Bombast durch Bescheidenheit und Kapital durch Kreativität ersetzen. Seine doppelbödige, mehrfach verspiegelte Lösung: eine komödiantische Geschichte des Scheiterns zu erzählen, deren Protagonist es in Sachen Trotz und Revolte mit dem Kleisthelden aufnehmen kann. Zusätzlich verkompliziert wird das Ganze dadurch, dass der Film die Ereignisse aus der Sicht einer Making-of-Kamera schildert – also eine Metaebene der Metaebene hinzufügt – und die Grenzen zwischen Realität und Fiktion immer mehr auflöst, je mehr sich die Geschichte der finalen Schlacht auf der Tronkenburg nähert.

Das Problem dabei: Die Idee ist interessanter als ihre Umsetzung. Zweifelhaft ist bereits die Erzählperspektive, die das inzwischen inflationär verwendete Pseudodokuspiel kopiert. Das hat zwar den Vorteil des »billigen Looks«, wirft aber auch Logikfragen auf: Welches Making-of-Team würde eine solche Chaosproduktion Tag und Nacht begleiten, jeden noch so intimen Moment abfilmen – und das im Breitbildformat? Schwerer allerdings wiegt, dass weder der echte noch der fiktive Lehmann seine Versprechung einlöst, den Mangel an Mitteln durch den Zauber der Imagination auszugleichen: Die Film-im-Film-Sequenzen sind hölzern und albern, das Drama innerhalb des Filmteams lächerlich und banal, und von der großen Vision bleibt am Ende nur ein Mischmasch, der eher von Selbstüberschätzung kündet als von der Cleverness und dem Raffinement, das dieser Film dringend gebraucht hätte.

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