Kritik zu Klavierstunden

© déjà-vu film

2017
Original-Titel: 
Making the Grade
Filmstart in Deutschland: 
16.01.2020
L: 
83 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Ken Wardrops Dokumentation zeigt unter anderem, dass Klavierlehrerinnen ganz und gar nicht dem Klischee der gescheiterten Solistin entsprechen, die ihren Frust an den Schülern auslässt

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Bei irischer Musik denken die meisten wohl zuerst an Dubliners und Harfenklang. Doch viele heutige Irinnen und Iren studieren statt der Fiedel das Piano. Dreißigtausend melden sich jedes Jahr bei der Royal Irish Academy of Music, um in einem achtstufigen Set an Prüfungen ihr Können zu messen, wie der neue Dokumentarfilm von Ken Wardrop (»His and Hers«) zu Beginn meldet. Ihren Unterricht nehmen sie bei privaten Klavierlehrerinnen (selten auch Lehrern), von denen in »Klavierstunden« einige Dutzend antreten, um sich in Interviews zu erklären und ihren Eleven das Spiel auch vor dem Kamerablick näherzubringen.

Die zu erwerbenden »Grades« sind das Ordnungsmerkmal von Wardrops Film. Doch auch wenn dabei das Power-Üben kurz vor dem Testtermin oder Prüfungsangst zur Sprache kommen, verzichtet Wardrop erfreulicherweise ganz auf die in vielen anderen Filmen zur musikalischen Bildung übliche Dramaturgie von Wettbewerb und Konkurrenzkampf und setzt stattdessen ganz auf das von gegenseitiger Zuwendung angetriebene gemeinsame Lehren und Lernen.

Dabei erweist sich die Schülerschaft in Alter und Herkunft divers vom fünfjährigen Tastenneuling bis zur gediegenen Wiedereinsteigerin. Da ist der Heavy-Metal-Musiker, der in schwarzer Lederhose und Muskelshirt in der gemütlichen Wohnküche seiner Lehrerin Schubert’sche Akkordprogressionen übt. Eine junge Frau mit einer degenerativen Krankheit, die sich von der Tastenarbeit Muskelaufbau erhofft. Und dann, wir sind schon bei »Grade 7«, ein vielleicht zehnjähriges Mädchen, das so animiert in die Tasten greift, dass es zum puren Wegschmelzen ist. Doch trotz wunderkindlicher Brillanz und sichtbarer Bewunderung durch die Lehrerin stehen auch hier nicht Ambitionen auf mögliche Karrieren im Vordergrund, sondern Leidenschaft und Spielvergnügen.

Die eigentlichen Stars dieses Films sind die MusikpädagogInnen, die so ganz und gar nicht dem bei uns eingebürgerten Klischee als gescheiterte Solisten entsprechen, die ihren Frust nun an den Schülern auslassen. Ganz im Gegenteil, »Klavierstunden« zeigt sie als engagierte und humorvolle Motivatorinnen, die neben der Begeisterung für die Musik oft auch Lebensweisheit weitergeben. Am eindrücklichsten vielleicht eine fröhliche Nonne in den großzügigen Räumen eines über dem Meer gelegenen neo-klassizistischen Klosters, die ein talentiertes Jungenduo unterrichtet.

Dies ist eindeutig das prächtigste der am Film beteiligten Häuser. Doch auch sonst sind die vorgeführten Settings rund um die E-Pianos, Klaviere und Flügel erstaunlich licht und geräumig, düstere Mietwohnungen existieren in dem von Wardrop ausgewählten musikalischen Irland nicht. Und während wir so nebenbei drinnen die unterschiedlichsten Wohnsituationen (und Sofas) kennenlernen, zeigt sich draußen vor den meist großen Fenstern gegen Ende immer öfter die Landschaft in frischem Grün. Ein Hauch von Rosamunde Pilcher, der Wardrops Film aber nicht schadet.

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